Umgang mit Neid und Zorn


Umgang mit Neid und Zorn

(1) Was sagt die Bibel zu Neid?

 Im Alten Testament wird im letzten Gebot (10.) das Begehren des Eigentums anderer als Sünde bezeichnet. Das bleibt auch im Neuen Testament so: Die Bibelverse, in denen Neid zusammen mit anderen negativen Eigenschaften oder Gefühlen wie Streit, Mord, Heuchelei aufgeführt wird, sind zahlreich (z.B. Römer 1,29; 1.Timotheus 6,4; Titus 3,3; 1.Petrus 2,1; Jakobus 3,14+16, Galater 5,21). Warum wird Neid in der Bibel so kompromisslos verurteilt?

 (a) Neid hat negative Auswirkungen

In 1.Mose 37,11 zieht Josef den Neid seiner Brüder auf sich, und mit diesem Neid beginnt die ganze Familientragödie, die bis hin zum versuchten Mord reicht. Neid vergiftet auch die zwischenmenschlichen Beziehungen; ich kann dem Beneideten nicht mehr frei gegenübertreten, bin gefangen in meinen negativen Gefühlen und tendiere dazu, alles, was die beneidete Person tut oder hat, zu verachten. Das ist umso schlimmer, als der Beneidete oft gar nicht um die Störung dieser Beziehung und deren Ursachen weiß und also von sich aus gar nichts zur Klärung beitragen kann. Neid macht einsam, unfrei und vergiftet die Gemeinschaft.

 (b) Neid bedeutet Missgunst, d.h. ich gönne dem anderen nicht, was er hat

Das ist eine doppelte Anklage gegen Gott, denn ich werfe Gott im Grunde vor, dass er mir zuwenig und dem anderen zuviel gegeben hat. Ich betrachte den anderen als für nicht würdig, das zu haben, was er hat. Das ist eine direkte Kritik an Gottes Weisheit und Gerechtigkeit und zugleich eine Herabsetzung des anderen (Sprüche 14,31).

 (c) Neid bedeutet, dass ich mit dem unzufrieden bin, was ich habe

 Ich will mehr, und dazu ist das mir vor Augen Stehende, das der andere hat, nur Anlass. Ich kann Gott nicht mehr für das danken, was er mir hat zukommen lassen, sondern ich bin fixiert auf das, was fehlt. Auch das ist indirekt Kritik an Gottes Weisheit, der doch am besten weiß, was für mich gut ist. Zudem verengt sich mir der Blick: Ich bin nicht mehr in der Lage, den großen Zusammenhang zu sehen - dass mir nämlich alles, was ich bin und habe - meine Fähigkeiten, meine Arbeitskraft, meine Familie, meine Freunde, mein Besitz usw. - allein von Gott geschenkt ist. Undank macht engherzig, gedrückt und unfrei, ebenso wie Dank befreit, erhebt und Seele und Herz weit macht.

 (d) Hinter Neid steckt oft die Angst, im Leben zu kurz zu kommen

 Der Wille, Gott zu vertrauen, dass es uns nicht an Erfüllung fehlen wird, reicht oft nicht in die Tiefen dieser Angst. Hier ist es gut, sich diese geheimen Ansprüche und Erwartungen ans Leben bewusst zu machen, unerhörte Wünsche vor Gott auszusprechen und Ihm vorbehaltlos alles offen zu legen, was sich an Enttäuschung, unterdrückter Rebellion, Träumen o.ä. im Dunklen unseres Bewusstseins angehäuft hat.

 Beim Thema Zorn liegt die Sache etwas anders. Denn Zorn ist eine Eigenschaft, ein Verhalten, das Gott selbst zeigt: Gott ist zornig über die Sünde des Menschen. Der Zorn Gottes ist ein fester Grundsatz der Gerechtigkeit Gottes und deshalb nicht zuletzt der Rechtfertigung in Jesus Christus. Wären wir nicht alle von Geburt an als Sünder unter dem Zorn Gottes, dann hätte Jesus nicht für uns zu sterben brauchen. Es gibt also eine Art gerechten Zorn. Jesus selbst hat ihn während seines irdischen Lebens auch gezeigt, besonders im Tempel gegen die Schändung durch die Händler und Geldwechsler (Matthäus 21,12). Auch die Verhärtung der Herzen machte ihn wütend (Markus 3,5).

 (2) Darf ein Christ zornig sein

Sicherlich gibt es eine Art Eifer für den Herrn, in dem es angebracht ist, zornig zu sein; wenn etwa Gottes Namen grob missbraucht wird oder von einem Verantwortlichen in der Gemeinde eine Irrlehre als Wahrheit verkauft wird, dann kann es geboten sein, nicht sachlich und nüchtern eine Gegenaussage zu treffen, sondern die Heiligkeit Gottes mit Nachdruck und Emotion zu verteidigen.

Aber: Vorsicht ist geboten! Wir Menschen neigen von unserer natürlichen Veranlagung her ebenso zu ungerechtem, egoistischen Zorn wie zu allen anderen Untugenden. Wie schnell geben wir etwas als heiligen Eifer um Gottes Ehre aus, was in Wirklichkeit kleinliche Verletztheit, Rechthaberei oder Machtstreben ist. Deshalb rät auch die Bibel mehrfach, "langsam zum Zorn" zu sein (Sprüche 19,11; Jakobus 1,19) und sagt sogar, dass ein zorniger Mensch niemals die Werke Gottes tut (Jakobus 1,20). Beispiele von biblischen Personenzeigen, wie nah gerechter und ungerechter Zorn nebeneinander liegen:

 Mose war sehr wütend, als er vom Berg Sinai zurückkam und das Volk ums goldene Kalb tanzen sah (1.Mose 49,6). Das spiegelt sicher auch Gottes Einstellung wider, der das Volk in seinem Zorn ja schon verwerfen wollte; doch Mose leistet, obwohl er zornig auf seine Stammesgenossen ist, Fürbitte für sie. Der gerechte Zorn hat ihn also nicht daran gehindert, Erbarmen und Liebe für sein Volk zu empfinden. Vermutlich ist das eine sehr wichtige Kombination: Zorn und Erbarmen; auch bei Gott, dem Vater, und bei Jesus liegt beides sehr nah beieinander.

 Andererseits wird Paulus, als er vor dem Hohen Rat, seinem Empfinden nach, ungerecht behandelt wird, wütend und beschimpft den Hohepriester als "getünchte Wand". Als er ermahnt wird, verteidigt er sich damit, dass er nicht gewusst habe, dass er es mit dem Hohepriester zu tun habe. Ich weiß nicht, ob das nur eine Ausrede war oderder Zorn von Paulus durch diese Unwissenheit tatsächlich entschuldigt wird; auf jeden Fall ist sein Verhalten hier strittig.

 Mit dem natürlichen Zorn steht die Sache einfacher. Er wird in der Bibel rundweg verurteilt: Er erscheint in 2.Korinther 12,20 und Galater 5,20 zusammen mit Dingen wie Streit, Eifersucht, Feindschaft, Hader. Zur biblischen Qualifikation eines Ältesten gehört, dass er besonnen und nicht streitsüchtig oder jähzornig ist (1.Timotheus 3; Titus 1), und die Sprüche nennen den, der seinen Zorn gleich herauslässt, einen Narren (Sprüche 12,16). Insofern kann man sagen, dass Zorn Sünde ist, genauso wie die anderen natürlichen Eigenschaften des Menschen, die aus unserer Selbstsucht entspringen.

 Warum verurteilt die Bibel Zorn so radikal?

 Gott kennt uns Menschen natürlich, und er weiß um die Neigung von uns Egoisten, auf vermeintliches Unrecht, Benachteiligung, Kränkung usw. mit Zorn und Rachlust zu reagieren. Gottes Gebotistdeshalb vor allem ein Schutz: Im Gegensatz zu anderen schlechten Eigenschaften wie Bosheit oder Heimtücke, zu denen ja ein planerisches Moment gehört, tut der Mensch aus Zorn Dinge, die er vermutlich in besonnenem Zustand nicht täte. Die Konsequenzen sind daher umso schwerer zu tragen, weil es sich in der Regel nur um eine paar Augenblicke des Kontrollverlustes handelt.

 Der Ausschluss von Jähzornigen aus dem Ältestenamt ist deshalb keine Diskriminierung, sondern einfach Sachverstand: So jemand würde in der Gemeinde unnötige Probleme verursachen und hätte eine übermäßige Verantwortung für seinen Jähzorn zu tragen. Auch Kinder können bei ungerechter Behandlung zum Zorn gereizt werden, weshalb Paulus die Eltern eigens ermahnt (Epheser 6,4). Zorn ist menschlich, aber eben deshalb ein Hindernis für den heiligen Geist, uns nach Gottes Vorstellungen zu verändern.

 (3) Wie gehe ich als Christ nun mit Neid und Zorn in mir selbst um?

 Neid kann, so ist oben erkennbar geworden, rationalisiert werden, d.ich kann mir selbst meine Gründe dafür durchsichtig machen, kann meine Unzufriedenheit und meinen Undank einsehen und bewusst meine Beziehung zu Gott überprüfen. Hier hilft das Gebet, sicher aber auch das Gespräch mit Vertrauten weiter. Vielleicht ist sogar zur Bereinigung der zwischenmenschlichen Beziehungen eine Abbitte bei dem Beneideten notwendig.

 Dagegen kommt Zorn meist unkontrolliert auf, und die Möglichkeit, mich willentlich gegen ihn zu entscheiden, besteht normalerweise nur kurz. Zudem muss Zorn als psychische Erscheinung differenziert werden: Es gibt z.B. Aggression aus Selbstschutz, temperamentsbedingten Jähzorn, lang angewachsenen Frust (der sich irgendwann entlädt), entschlossenen rücksichtslosen Grimm (der Widerstände mit Gewalt überwinden will), usw. Zudem ist Aggression oft durch eine psychische Störung bedingt; die Ursachen liegen hiertieferund bilden einen vernetzten Komplex von negativen Erfahrungen, niedrigem Selbstwertgefühl und fehlenden alternativen Problemlösungsstrategien (wie das psychologisch heißt).

 Das Urteil über Zorn wird dadurch nicht abgeschwächt; zugleich müssen wir uns aber vor Augen halten, dass Gott das alles weiß. Er weiß es, wenn wir Gefangene unserer Aggressivität sind und darunter leiden, dass wir sie nicht in den Griff bekommen, er kennt unsere Unzulänglichkeit, die gerade ein Jähzorniger immer wieder erlebt, er weiß, dass unsere Sündhaftigkeit bedeutet, dass wir unserer Fehler nicht selbst Herr werden können.

 Deshalb hat er uns in Jesus die Befreiung von der Sünde geschenkt. Der Umgang mit dem Zorn bleibt ein lebenslanger Prozess, und Gott weiß das. Er selbst ist es ja, der uns zum Ziel bringt, nicht wir. Deshalb wird er uns auch keinerlei eigenen Verdienst an unserer Veränderung lassen. Er wird alles getan haben.

 Wenn jemand zorniggegeneinen anderenMenschen wird, begeht er eine Sünde. Er kann das womöglich nicht verhindern. In jedem Fall ist er auf die Vergebung durch Jesus Christus angewiesen. Was ist nun seine Verantwortung?

 Er soll "die Sonne nicht über seinen Zorn untergehen lassen" (Epheser 4,26), d.h. er soll seine Wut nicht selbstgerecht und aus verletzten Stolz festhalten, sondern versuchen, sich "abzuregen", und sich klarmachen, dass die Dinge bei nüchternem Gemüt anders aussehen. Dann soll er so schnell wie möglich die gestörte Beziehung bereinigen.

Erst wenn er das nicht tut, begeht er eine wissentliche und willentliche Sünde. Die "Sonnenuntergangs-Regel" ist sicherlich eine hilfreiche und praktische Hilfe, die Gott uns anbietet.

Wir sollten sie dankbar nutzen. Wenn wir täglich aus der Vergebung leben, dann sind wir in der Lage, in einer gefestigten und befreiten Beziehung mit Gott zu leben, uns selbst nüchtern zu sehen, wie wir sind - ohneAugenwischerei, aber auch ohne Selbstverachtung - und von Gott alle Hilfen anzunehmen und auszuprobieren, die er uns geben will, um trotz Neid und Zorn besser nach seinem Willen leben zu können.

 Ich bin zuversichtlich, dass Gottes Liebe letztlich auch solche Schäden heilt und dass viele scheinbar unausrottbare Sünden im Leben eines Christen dazu dienen, im positiven Sinn so richtig von Gott abhängig zu werden