Sprich in mich hinein
Sprich in mich hinein
Sätze und Worte, die wir uns selbst immer wieder vorsagen, binden uns, versklaven uns und machen uns blind. Vor jeder Verwandlung des Lebens muss ein Loslassen dieser Worte geschehen. Ein Wort der Bibel möchte uns die Augen öffnen.
Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. (Ps. 103, 2)
In einem Rehabilitationszentrum machte ein junger Patient keinerlei Fortschritte. Immer sagte er: Das kann ich nicht, und das bringt mir nichts.“ Da riss dem Arzt schließlich die Geduld, und er entgegnete ihm: „Deine Worte sind deine Krankheit. Deine negativen Einreden verhindern Deine Heilung.“ Solange er sich nicht von ihnen trennen würde, könne er nicht gesund werden.
In dieser kleinen Begebenheit wiederholt sich eine uralte Erfahrung. Sie war schon den frühesten christlichen Mönchen, den Wüstenvätern in Ägypten, bekannt: Der Umgang mit Gedanken übt Wirkung auf das Befinden, ja sogar auf die Gesundheit bzw. Krankheit des Menschen aus.
Mit Einreden haben wir es alle zu tun. Sie kommen zunächst von außen, z.B. wenn die Meteorologen vom Fernsehen schlechtes Wetter anzukündigen haben, entschuldigen sie sich fast und reden dadurch den Zuschauern ein, Regen, Kälte und Schnee seien etwas Schlechtes. Natürlich sind sie für Autofahrer nicht gut; aber das ist nur die eine Seite der Wirklichkeit. Das hat zur Folge - ich will ja gewisse Zusammenhänge zwischen Wetter und Wohlbefinden nicht leugnen -, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich einreden: „Es regnet heute, deshalb geht es mir schlecht.“
Die Einreden kommen aber auch von innen, z.B.: „Ich habe Angst; das schaffe ich nie; ich bin morgens missgelaunt; der oder die regt mich auf; ich habe keine Lust; es hat doch keinen Sinn; ich bin nichts wert; es ist sowieso hoffnungslos.“
Solche Sätze tauchen immer wieder in uns auf. Sie sind wie innere Befehle. Sie lähmen uns und halten uns in einer unguten Stimmung fest. Offenbar - so dachte der Kirchenvater Cassian - wird der Geist in das verwandelt, womit er sich beschäftigt. Deshalb wirken sie wie ein Raster, mit dem wir dann auf die Ereignisse des täglichen Lebens reagieren und nur noch das Negative, Ungute und Angst Auslösende sehen.
VOM GEGEN-SATZ
Die alten Mönchsväter hatten eine bestimmte Methode, damit umzugehen. Sobald ihnen ein negativer Satz in den Sinn kam, setzten sie einen positiven Satz dagegen. Meistens war es ein Satz aus der Bibel, den sie in diesem Augenblick als Gegenwort parat hatten.
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“, ist ein solcher Gegen-Satz. Er hat ganz und gar die Gestalt einer positiven Einrede, einer Einrede von innen, die sich der Urheber des 103. Psalms vorsagte. Diese Einrede kommt von außen an uns heran mit der Absicht, dass wir sie übernehmen und uns von ihr leiten lassen. Dann werden sich die Vorstellungen und Bilder, die uns umdüstern, nicht mehr so auswirken können. Denn wir haben ihnen etwas entgegenzusetzen, das bis an die Wurzeln unserer Stimmungen reicht.
Vielleicht erscheint uns das als zu einfach. Es klingt so, als könnten wir durch die Auswahl unserer Gedanken unsere Stimmungen bestimmen. Manche Ängste stecken doch so tief, dass sie nicht durch das Vorsagen von Bibelworten aus der Welt geschafft werden können. Und Depressionen lassen sich auch nicht so ohne weiteres durch Psalmverse vertreiben. Trotzdem können wir unser Befinden, selbst unsere Befürchtungen und Sorgen, ein Stück weit positiv beeinflussen.
Wer sich mit den Worten Gottes befasst, bekommt auch etwas von ihrer Kraft. Und für das innere Unheil, das wir uns durch negative Gedanken bereiten, gibt es eine innere Heilung durch den Geist, der uns in den Worten der Heiligen Schrift begegnet.
DAS WORT SOLL FLEISCH WERDEN
Nun soll uns das Psalmwort „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“ bei diesem Kampf mit den Einreden und Gedanken helfen. Dazu ist es nötig, dass wir es einlassen und aufnehmen. Hören wir ihm zu, was es zu sagen hat; ja, hören wir ihm so zu, als wäre es eine Person, die jetzt zu uns spricht.
Sie spricht also: „Ich bin zwar nur ein Wort oder besser gesagt, ein Satz.Aber eigentlich bin ich eine Person. Unter Tausenden von Sätzen innerhalb und außerhalb der Bibel bin ich einzigartig und unverwechselbar. Irgendwann - ich erinnere mich nicht mehr daran – wurde ich zuerst gesprochen und dann aufgeschrieben. Es war ein Beter, der mich zuerst sprach, und er dachte dabei an Gott. Er nannte ihn den Herrn. Als dieser Beter mich zum erstenmal (und dann immer wieder) sprach, sprach er sich selbst an: „Lobe den Herrn, meine Seele!“
Wahrscheinlich war ihm nicht bewusst, dass er damit an ein Geheimnis des Menschengeschöpfes rührte. Er tat etwas, was unter allen Geschöpfen nur der Mensch kann: zu sich selbst in Beziehung treten. Nur dadurch ist es ihm möglich, mit seiner Innenwelt umzugehen. Um dieses Verhältnis zu sich zu finden - man kann es auch verfehlen! - und um sein inwendiges Leben nicht an eine fremde Macht zu verlieren, sprach er: Lobe den Herrn, meine Seele!
Als er mich wieder einmal sprach, hatte ich das Gefühl, dass er erschrak. Er merkte, als er mich zu seiner Seele, d.h. zu seinem inneren Lebendigsein sandte, dass es schlecht bestellt war mit seinem Leben. Ich traf da auf fremde Gäste, die ebenso missgestimmt wie gereizt und hoffnungslos waren; und einen hörte ich sagen: Beklage die Welt, und behalte alles, was sie Dir Böses getan hat; und male Dir vor allem aus, was in ihr noch alles möglich ist!
Als ich dieser Gesellschaft entgegentrat und mich mit den Schadensgeistern anlegte, spürte der Beter etwas davon. Es durchfuhr ihn, wie gefährdet das Gotteslob in seinem Leben war. Dieser Schrecken war der Anfang seiner inneren Heilung.“
„Ich muss hier“ - so fährt unser Psalmwort, die Erzähl-Person, fort - „an einen späteren Beter denken, dem es gegeben wurde, seine Erfahrungen in einem Väterspruch zu formulieren. Der Spruch lautet:
„Wenn Gedanken ins Herz eines Menschen kommen, kann er sie auf keinen Fall aus seinem Herzen vertreiben, wenn er nicht Worte der Schrift oder der Väter herbeiholt.
Wenn der Herr das Haus betritt, verschwinden die Fremden, die darin sind.“
Als dies auch bei dem ersten Beter eingetreten war, ereignete sich etwas unerwartetes: Er bekam neue Augen. Das geschah so: Er holte mich immer wieder: „Lobe den Herrn, meine Seele!“ Da schaltete sich auf einmal auch das andere, „...und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“, in die innere Auseinandersetzung ein. Es ging ihm auf, dass zwischen dem Fehlen des Lobes in seinem Leben und dem Vergessen, was Gott Gutes an ihm getan hatte, eine enge Beziehung bestand. Und er erkannte, dass an die Stelle des Lobes eine Leidenschaft für das Negative getreten war.
Er empfand es wie eine innere Augenöffnung, der bald eine zweite, äußere folgte: Er begann zu sehen, und er begriff - es war wirklich mit Händen zu greifen; denn er stand ja da, lebte und atmete, durch viele Fährnisse geleitet und bewahrt bis heute -, er begriff, was Gott Gutes an ihm getan hatte. Und dann brach es aus ihm heraus, das Lob, wie ein Sturzbach und wie ein Strom: „der dir alle Deine Sünde vergibt und heilet alle Deine Gebrechen, der Dein Leben vom Verderben erlöst, der Dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der Deinen Mund fröhlich macht, und Du wieder jung wirst wie ein Adler.“
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