Schubladendenken


Schubladendenken

Was wäre das Leben ohne Schubladen. Unordentlich, unübersichtlich, unangenehm. Wir brauchen Schubladen, um Arrangements zu schaffen. Die Wäsche in diese Schublade, die Tischdecken in die andere, Schal und Handschuhe für den Winter in die nächste. Das ist gut so, sonst würden wir die Übersicht verlieren und erhebliche Zeit für das Suchen aufwenden müssen.Auch im geistlichen Bereich sind wir schnell mit Schubladen zur Hand. Das eine legen wir unter "fundamentalistisch" ab, das nächste bekommt den Stempel "charismatisch" aufgedrückt und manches stufen wir gar als "gefährliche Spinnerei" oder "hoffnungslos veraltet" ein. So schaffen wir Ordnung in unserer Sicht der Dinge - und berauben uns unter Umständen dessen, was für uns und diese Welt wichtig sein könnte.

 

Läßt sich Gottes Handeln katalogisieren und schematisieren, nach menschlichen Maßstäben ordnen und beurteilen? Ich wage zu sagen: Nein. Schauen wir uns, um ein Beispiel zu wählen, einmal an, auf welche Art und Weise in der Bibel Heilungen geschehen sind.

Da rührt Jesus aus Speichel und Erde Lehm an, um ihn auf blinde Augen zu streichen. Da wird jemand aufgefordert, sich mehrmals in Flußwasser zu tauchen. Da fällt der Schatten der Apostel auf Menschen, die fortan gesund sind. Da verzweifeln die Jünger an einem epileptischen Knaben, weil das, was ihnen Jesus selbst beigebracht hat, auf einmal nicht mehr funktioniert. Da wird bei einem Kranken eine Hand aufgelegt, ein anderes mal mit Öl gesalbt. In einem Fall genügt ein Wort zur sofortigen Gesundung, bei anderer Gelegenheit müssen Aussätzige krank losgehen, um sich den Priestern zu zeigen - im Vertrauen darauf, daß die Heilung zur rechten Zeit sichtbar sein wird. Eine Frau berührt heimlich das Gewand des Herrn, ein Blinder schreit und lärmt, um auf sich aufmerksam zu machen.

Gottes Wirken ist so vielfältig wie die Menschen, an denen er wirkt. Wir dürfen nicht sagen: "Zur Heilung eines Kranken ist es notwendig, Schema A anzuwenden. Falls das nicht funktioniert, versuchen wir es mit Schema B. Als letzte Lösung haben wir dann Schema C in der Schublade." Wir werden zwangsläufig scheitern. Vielleicht sind wir deshalb in unseren Breitengraden dazu übergegangen, gar nicht mehr ernsthaft mit Wundern, mit übernatürlichem Eingreifen Gottes zu rechnen. Vielleicht berauben wir uns dadurch der Möglichkeit, staunend und voller Freude Zeuge dessen zu sein, was ein Gott, dem alle Macht gegeben ist, tun kann und möchte.Die Bibel fordert uns auf, alles zu prüfen und das Gute zu behalten. Wenn wir jedoch zunächst in Schubladen sortieren - aussortieren, was wir von vorne herein nicht sehen, erleben und wissen wollen - können wir das Gute gar nicht mehr erkennen und behalten. Wenn alles, was nicht unserer Tradition und unserem Geschmack entspricht, erst einmal als inakzeptabel abgestempelt wird, wie wollen wir dann Gutes erkennen?

 

Es wäre doch wunderbar, wenn Christen aus unterschiedlichen Gemeinden, Kirchen und Konfessionen anerkennen könnten, daß die Glaubensgeschwister aus den anderen Gemeinschaften das gleiche Ziel, wenn auch mit unterschiedlichen äußeren Prägungen, verfolgen: Die Menschen, die Gott nicht kennen mit Seiner Liebe und Vergebung bekannt machen. Ist es denn wirklich so wichtig, ob man die Hände zum Gebet erhebt, die Augen schließt? Ist es denn wahrhaftig so entscheidend, ob eine Band mit Schlagzeug, E-Gitarren und Baß oder eine Kirchenorgel den Gesang begleiten? Sind uns diese Fragen wichtiger geworden als die verlorenen Menschen, die rings um uns leben und nichts von Sünde, Vergebung und neuem Leben wissen? Wollen wir allen Ernstes darüber streiten, ob diese oder jene Form der Taufe angemessen ist, ob das Reden in Sprachen eine Wirkung des Heiligen Geistes oder ein Ausbruch menschlicher Hysterie ist? Haben solche Diskussionen, angesichts der Not um uns herum Raum und Zeit verdient, die sie einnehmen? Wird uns nicht bange, wenn wir uns über Methoden und Formen streiten und gleichzeitig sehen, daß Kinder und Jugendliche sich in Drogen, Kriminalität und Prostitution verstricken, weil niemand ihnen Gottes Liebesangebot mitgeteilt hat?

 

Haben wir denn überhaupt kein Mitleid mit den Menschen, die Jesus nicht kennen und ihn auch nicht kennenlernen werden, wenn wir - die Gemeinde Jesu Christi, egal wie sie sich örtlich nennt - uns weiter damit zufrieden geben, am Sonntag / Samstag / wann immer einen tollen Gottesdienst zu feiern, glücklich über die eigene Errettung zu sein und vielleicht noch seufzen: "Ach Herr, die Welt ist so schlecht. Rette doch bitte die Menschen."

 

Ich meine, daß wir die Schubladen schließen und uns dem zuwenden sollten, was uns Jesus aufgetragen hat: Geht hin und macht die Menschen mit Gottes Liebe bekannt. Der Missionsbefehl ist keine Missionsbitte oder ein Missionsvorschlag. Jesus hat für uns, charismatisch oder fundamentalistisch, evangelikal oder katholisch, freikirchlich oder konfessionell, einen teuren Preis bezahlt. Wir sollten alles daran zu setzen, das Evangelium zu verkünden und unsere Mitmenschen dem Verderben zu entreißen.

 

Der Herr möchte ja die Menschen retten, aber wir sind diejenigen, die das Evangelium weitersagen! Wir sind diejenigen, die Kranke heilen, Dämonen austreiben und größere Werke als Jesus tun sollen! Wir sind diejenigen, durch die die Herrlichkeit Gottes sichtbar werden soll - sichtbar für eine verlorene Welt! Und wie? Das Hat Jesus im Johannesevangelium (Kap. 17) verraten: Daran daß sie eins sind, wird die Welt erkennen...

 

Schauen wir uns unsere Gemeinden und Kirchen (ich schließe meine Heimatgemeinde und mich persönlich gerne ein) an, dann werden wir feststellen, daß für die Welt um uns herum von der Herrlichkeit Gottes einstweilen wohl nicht viel zu sehen ist. Wir können darüber seufzen oder wir können anfangen, dem Feind endlich entgegenzutreten.

Machen wir doch die Schubladen zu, ziehen wir an einem Strang, bis alle Menschen in unseren Städten und Ländern gerettet sind. Wenn das der Fall ist, können wir ja beruhigt sortieren, wer in welches Fach gehört. Wenn uns dann noch danach ist.