Mit Meinungsverschiedenheiten umgehen


Mit Meinungsverschiedenheiten umgehen

 Der Brief des Apostels Paulus an die Römer ist seine systematischste Darlegung des Evangeliums. Er erklärt menschliche Sündhaftigkeit und die Vergebung, die wir in Christus haben (Kapitel 1-8). Beginnend mit Kapitel 12, kommt er zu den praktischen Resultaten des Evangeliums.

In Kapitel 14 spricht er ausführlich ein spezifisches Problem in den römischen Gemeinden des ersten Jahrhunderts an – nämlich, dass Leute über bestimmte Bräuche und religiöse Überzeugung unterschiedliche Meinungen hatten. Obwohl Paulus nie in Rom gewesen war, hatte er von den Kontroversen gehört.

 Zweifelhafte Angelegenheiten

„Den Schwachen im Glauben nehmt an und streitet nicht über Meinungen“ (14,1), so fängt Paulus an. Wir können hier mehrere wichtige Dinge lernen:

 • Einige Christen sind schwach im Glauben, und wie Vers 2 erklärt, sind sie übermäßig restriktiv.

 • Christen, die schwach im Glauben sind, sollten angenommen, nicht verspottet werden. Menschen wachsen durch Liebe und Annahme im Glauben, nicht durch Ächtung.

 • Christen, die meinen, stark zu sein, sind manchmal versucht, auf andere herabzuschauen.

 • Einige Angelegenheiten sind disputabel, zweifelhaft. Die Glaubensauffassungen und Praktiken, die einige Christen für sehr wichtig halten, sind für andere unwichtig.

 Paul spricht dann den Streit in Rom an: „Der eine glaubt, er dürfe alles essen; wer aber schwach ist, der isst kein Fleisch“ (14,2). Warum mieden einige Leute Fleisch? Vielleicht waren sie von asketischen Philosophien beeinflusst, aber wahrscheinlicher ist, dass die Bedenken aus dem Judaismus kamen. Die Begriffe „unrein“ und „rein“ (V. 14 u. 20) waren im Judaismus wichtig, und wie wir gesehen haben, spricht der Römerbrief wiederholt Juden und Heiden als die wichtigsten Gruppen in der Gemeinde an. Einige (aber nicht alle) Juden mieden Fleisch, weil sie nicht sicher sein konnten, ob die Tiere auf die richtige Weise getötet worden waren (Dan 1,8). Einige Heiden mögen genauso vorsichtig gewesen sein.

 Sünde akzeptieren?

Sehen wir uns an, wie Paulus mit dieser Situation umging: „Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst; denn Gott hat ihn angenommen“ (14,3). Der Christ mit einem starken Glauben sollte den schwachen Christen nicht herabsetzen und der Schwache sollte den freizügigeren Christen nicht verurteilen.

Welch schockierender Rat! Stellen sie sich vor, Sie glauben, dass es falsch ist, Fleisch zu essen. Paulus nennt Sie nicht einfach „schwach“, er sagt Ihnen auch, dass Sie nicht Menschen verurteilen sollen, von denen Sie glauben, dass Sie sündigen. Warum? Weil Gott Menschen auf der Basis des Glaubens, nicht der Werke, annimmt.

Paulus meinte damit nicht, dass wir Götzendiener oder Unzüchtige oder Diebe oder Trunkenbolde annehmen sollten (1Kor 5,11). Das Neue Testament zeigt uns klar, dass wir bestimmte Verhaltensweisen meiden sollten. Aber es spricht nicht jede Situation und jedes Verhalten an, und aus diesem Grunde wird es Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Christentums geben.

 Zum Beispiel, wenn wir überzeugt sind, dass Wein schlecht ist, sollten wir Wein meiden. Aber wir sollten weder alle Weintrinker Sünder nennen, noch sollten wir uns von ihnen absondern. Wein ist eine Angelegenheit, wo man unterschiedlicher Auffassung sein kann – das Gleiche trifft auf Tage und Speisen zu. Dies sind Angelegenheiten von Toleranz, nicht von Trennung und Kritik.

 Paulus fragt: „Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn“ (14,4a). Der Herr hat uns zum Dienen, nicht zum Richten berufen. Wenn er so barmherzig gewesen ist, um uns einzuschließen, müssen wir ihn auch zu anderen barmherzig sein lassen. Er wird seine eigenen Knechte richtig behandeln. „Sie werden aber stehen bleiben, denn der Herr kann sie aufrecht erhalten“ (14,4b).

 Sei  völlig überzeugt

Paulus spricht dann eine andere Meinungsverschiedenheit in den römischen Gemeinden an: „Der eine hält einen Tag für höher als den andern; der andere aber hält alle Tage für gleich. Ein jeder sei in seiner Meinung gewiss“ (14,5).

Welche Tage würden in einer Gemeinde, die aus Juden und Heiden besteht, höher geachtet werden als andere? Für einige würden es wöchentliche Sabbate und jährliche Festtage sein; für andere könnte es Aberglauben über andere Tage bedeuten. Paulus beschreibt es auf eine solche Weise, um beide Situationen abzudecken. Menschen sollten aus Überzeugung handeln, nicht aus Furcht, was andere denken mögen.

 Erstaunlich! Paulus bittet überzeugte Sabbathalter gegenüber Menschen tolerant zu sein, die den Sabbat ignorieren. Sie dachten, dass Sabbatbrecher Ungläubige waren, aber Paulus sagt, dass sie akzeptiert werden sollten. Die Sabbathalter dachten, dass Sabbathalten unbedingt notwendig war, aber Paulus sagt, dass dies nicht der Fall ist.

 Andererseits sagte Paulus denen, die stark im Glauben sind, die Schwachen zu respektieren. Sie müssen nicht ihre Einschränkungen annehmen oder zulassen, dass diese die Kirchenpolitik bestimmen, sondern sie sollten sie annehmen.

 „Wer auf den Tag achtet, der tut's im Blick auf den Herrn; wer isst, der isst im Blick auf den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht isst, der isst im Blick auf den Herrn nicht und dankt Gott auch“ (14,6). Sabbathalter folgen Gott so gut wie sie können. Das Gleiche trifft auch auf die anderen zu. Fleischesser und Vegetarier versuchen beide, Gott zu gefallen. Wenn wir versuchen, Gott zu gefallen, müssen wir gegenüber unseren gegenseitigen doktrinären Irrtümern großzügig sein.

 Von Christus gerichtet

Unser Leben gehört Gott. „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. 14,8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn“ (14,7-8). Am Tag des Gerichts, nachdem wir gestorben sind, gehören wir zu Christus – aber wir gehören ihm auch jetzt, während wir leben. Eine Heilsverheißung am Tag des Gerichts bedeutet nicht, dass wir in diesem Zeitalter selbstsüchtig leben können.

 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei (14,9). Er ist unser Meister, sowohl heute als auch in der Zukunft.

 „Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden“ (14,10). Gott wird der Richter sein; wir sollen uns nicht seine Rolle anmaßen. Wir sollten nicht sagen: „Sie sind zu liberal, um wirkliche Christen zu sein“; noch sollten wir sagen: „Sie sind zu legalistisch, um wirkliche Christen zu sein“. Wir sollten das Gott entscheiden lassen (siehe Mt 7,1). Wir sollten nicht einmal auf andere Gläubige herabschauen.

 Paulus zitiert dann Jesaja 45,23, um zu zeigen, dass Gott jeden Menschen richten wird: „So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen (14,11). Und Paulus schließt dann mit: „So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben“ (14,12).

 Da Gott jeden Menschen richten wird, ermahnt uns Paulus: „Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten“ (14,13).

Vermeide Anstoß

Nun spricht Paulus zu den Starken, zu denen, die alles essen, und er ermutigt sie, ihre Freiheit sorgsam zu benutzen. „Sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite (14,13). Wir sollen in Bezug auf ihre Glaubensauffassungen rücksichtsvoll sein. Paulus macht seine eigene Position klar:

 „Ich weiß und bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst (14,14a). Die Tora bezeichnete viele Dinge als unrein, aber Paulus ist überzeugt, dass rituelle Kategorien in der christlichen Ära überholt sind. Sie spielen für Gott keine Rolle mehr – aber einige haben noch nicht das Verständnis.

„Für den, der es für unrein hält, ist es unrein“ (14,4b). Wenn Menschen glauben, dass es falsch ist, Schweinefleisch zu essen, sollten sie kein Schweinefleisch essen, und andere sollten keine Druck auf sie ausüben, es zu tun, weil es für sie falsch ist.

„Wenn aber dein Bruder wegen deiner Speise betrübt wird, so handelst du nicht mehr nach der Liebe. Bringe nicht durch deine Speise den ins Verderben, für den Christus gestorben ist. 14,16 Es soll doch nicht verlästert werden, was ihr Gutes habt“ (14,15-16). Ein Christ muss zwei Dinge ins Gleichgewicht bringen:

 1) Lassen Sie nicht das Gewissen eines anderen diktieren, was Sie tun oder nicht tun.

2) Lassen Sie nicht zu, dass Ihr Verhalten sie zur Sünde verleitet.

 Christus trägt uns auf, auf andere Rücksicht zu nehmen, ohne ihr Gewissen diktieren zu lassen, wie wir leben. Wir können nicht so ängstlich werden, jemanden Anstoß zu bereiten, dass wir uns jeder Empfindlichkeit anpassen, die jemand haben mag. Bloß weil eine Person in unserer Kirche der Meinung ist, dass es Sünde ist, Wein zu trinken, bedeutet das nicht, dass sich alle anderen enthalten müssen.

 Paulus spricht über einen Anstoß, der so ernst ist, dass diese Person geistlich zerstört würde – jemand, der denken mag: „Wenn das Christentum das erlaubt, dann möchte ich damit nichts zu tun haben.“

„Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist. 14,18 Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet“ (14,17-18). Das heißt, sei bereit, dich zu enthalten, weil das Reich Gottes nicht erfordert, dass wir all unsere Freiheiten ausüben. Gerechtigkeit verlangt nicht, dass wir uns enthalten, weil diese durch den Glauben an Christus kommt.

 Gutes Verhalten sichert uns keinen Platz in Gottes Reich, denn wir alle erfüllen die Erwartungen nicht, aber es ist eine gute Widerspiegelung dessen, was Gottes Reich hervorbringt – und sein Reich hat keine Regeln darüber, was wir essen und trinken sollen.

 Ein Aufruf zum Frieden

„Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander (14,19). Wir sollen einander lehren, was wahr ist, und versuchen, trotz unserer Unterschiede friedvoll miteinander zu leben. Mit Frieden und gegenseitiger Annahme werden Menschen die Wahrheit über Speisen und Tage lernen.

 Paulus warnt dann die Starken, die die richtigen Doktrinen, aber die falsche Einstellung haben. „Zerstöre nicht um der Speise willen Gottes Werk. Es ist zwar alles rein; aber es ist nicht gut für den, der es mit schlechtem Gewissen isst. 14,21 Es ist besser, du isst kein Fleisch und trinkst keinen Wein und tust nichts, woran sich dein Bruder stößt (14,20-21). Wenn Sie zu aggressiv sind, werden Sie schwache Menschen von Christus wegtreiben, und folglich „das Werk Gottes zerstören“, das in ihrem Leben geschieht. Paulus spricht hier nicht von geringfügigen persönlichen Präferenzen, sondern von wichtigen Fragen des Glaubens und des Abfalls.

„Den Glauben, den du hast, behalte bei dir selbst vor Gott“ (14,22 a). Paulus hielt seine eigene Position nicht geheim (V. 22) – aber er bearbeitete die Schwachen nicht, um zu essen und zu trinken wie er. Er hat auf Menschen keinen Druck ausgeübt, ihr eigenes Gewissen zu verletzen.

 Paulus ist klar auf der Seite der Freiheit, aber er gibt auch einen Warnung: „Selig ist, der sich selbst nicht zu verurteilen braucht, wenn er sich prüft (14,22b). Mit anderen Worten, stellen Sie sicher, dass Ihre Freiheit in Christus andere nicht verletzt. Ja, Sie können Schweinefleisch essen, aber wenn sie auf eine schwache Person Druck ausüben, Schweinefleisch zu essen und verursachen, dass diese Person von Christus abfällt, haben Sie gesündigt.

 „Wer aber dabei zweifelt und dennoch isst, der ist gerichtet …“ (14,23a). Dies zeigt auf, was das Problem war. Es bestand nicht darin, dass die Vegetarier verärgert waren, als andere Fleisch aßen. Vielmehr wurde auf Vegetarier Druck ausgeübt, selber Fleisch zu essen, auch wenn sie glaubten, dass es falsch war. In ihrem Sinn dachten sie, dass sie Christus ungehorsam waren und der Druck zerstörte ihre Treue zu ihm.

In einem solchen Fall kam ihr Essen und Trinken „…nicht aus dem Glauben. Was aber nicht aus dem Glauben kommt, das ist Sünde“ (14,23b). Das Problem lag nicht in der Speise, sondern in ihrer Wahrnehmung. Man sollte dem Gewissen gehorchen – aber es sollte auch geschult werden.

 In bestimmten Angelegenheiten können Christen unterschiedliche Glaubensauffassungen haben, aber sie sollten diese Überzeugungen nicht anderen aufdrängen. Menschen sollte nicht durch Tricks, Scham oder Zwang zu einer Änderung ihres Verhaltens gebracht werden – sie sollten gelehrt werden. Es kommt alles auf den Glauben zurück. Wir werden durch den Glauben gerettet, nicht indem wir bestimmte Tage oder Speisen einhalten oder meiden.