Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht


Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht

Wer kann in das Herz eines Menschen schauen? Wer kann die Gedanken eines anderen lesen? Wer kann ahnen, was ein Mensch mitgemacht hat, wenn er nicht den Schleier seines Lebens lüftet? Warum trinken viele Familienväter übermäßig viel Alkohol und fügen ihren Angehörigen großes Leid zu? Warum machen Mütter Versprechungen, die sie nicht halten, und schlagen ihre Kinder, die sie über alles lieben? Warum verlässt die 17-jährige ihr Elternhaus, nimmt Drogen und bietet ihren Körper feil, um wieder Geld für neue Drogen zu erhaschen? Fragen über Fragen.

 Wir alle ahnen, dass kein Suchtkranker sich die Sucht als größtes Lebensziel erwählt hat. Wir merken vielmehr, dass Suchtkranke plötzlich hilflos vor einer Situation stehen, die sie nicht gewollt haben. Sie sind Opfer einer Entwicklung geworden, die anders hätte verlaufen können, wenn sie die frühen Signale ernstgenommen hätten. Was ist also los mit den suchtkranken Menschen? Sie können sich nicht beherrschen, denken einige. Sie sind krank und können nichts dazu, sagen die anderen. Der Glaube an Jesus Christus und der regelmäßige Gottesdienstbesuch hätte sie bewahrt, denken viele Christen. Doch wer will das beurteilen? Nicht wenige Pfarrer, Diakone und rechtschaffene Christen haben auch Suchtprobleme. Die Sucht beschreitet eigene Wege, die meist damit beginnen, dass jemand entdeckt: Ich kann meinen Kummer, meine Ängste, meine Minderwertigkeit mit Alkohol oder Medikamenten für einige Zeit beseitigen. Alles geht mit einem Glas in der Hand oder einer Pille im Mund leichter, problemloser und unkomplizierter.

 Wie beginnt der Weg in die Sucht? Der Mensch erfährt bei kleinen Mengen die Positivwirkung des Erleichterungsmittels. Bei erneuten Problemen greift er wieder danach. Dabei ist die Erwartung, die der Konsument an die jeweilige Substanz richtet, von Bedeutung. Wenn es z. B. beim Alkohol nur um die Flüssigkeitsaufnahme ginge, dann könnten die Menschen Wasser, Ziegenmilch oder Tee trinken. Wenn es aber um die psychische Wirkung geht, dann muss eine Substanz her, die auf die Psyche wirkt. Neue Suchtstoffe kommen ständig auf den Markt, aber auch süchtiges Verhalten, wie z. B. pathologisches Spielen, verbreitet sich.

 Mindestens jede zehnte Familie ist direkt von Sucht betroffen. Warum ist das so? Die Sucht hat vielseitige Ursachen, die nicht einfach zu beheben sind. Ihr liegen in der Regel immer Beziehungsstörungen zugrunde. Das gilt für die Beziehung des Menschen zu sich selbst, zu seinem Mitmenschen und zu Gott. Der bekannte Ausspruch von Alexander Mitscherlich: "Eine Sucht entsteht allemal dort, wo gesucht und nicht gefunden wird", ist die Grundaussage aller Suchterkrankung. Der Mensch sucht Beziehung. Natürlich wissen wir Christen sofort, woher die Sehnsucht kommt. Sie hat mit dem Verlust des Paradieses zu tun. Als Gott, der Schöpfer, alles geschaffen hatte, da sprach er: "Siehe, es ist sehr gut." Dass es heute nicht mehr sehr gut ist, erleben wir tagtäglich. Mit der Sünde kam das Versteckspiel in die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Kein Mensch kann die Beziehung zum anderen Menschen mehr so leben, wie sie ursprünglich von Gott gewollt war. Das Zusammenleben ist gestört. Wir Menschen werden seitdem immer wieder aneinander schuldig. Wir fügen uns seelische Verletzungen zu und leben in Angst.

Vielleicht fragen wir nun: Und was hat das mit der Sucht zu tun? Ist das nicht das Problem aller Menschen? Ja, das ist es. Die Sehnsucht ist das Problem aller Menschen. Wir alle sehnen uns nach einer heilen Welt, in der keine Ungerechtigkeit, keine Angst und keine Probleme mehr vorhanden sind. Wir sehnen uns danach, weil wir den Keim des paradiesischen Zustandes in uns tragen. Wir ahnen etwas davon, dass es eine bessere Welt gibt, in der wir leben möchten. Doch diese bessere Welt wird fälschlicherweise nicht von Gott erwartet, sondern von den anderen Menschen, mit denen wir zusammenleben. Da der andere Mensch diese Erwartungen nicht erfüllen kann, werden die Beziehungen ständig durch Enttäuschungen und Verletzungen gestört. Durch die Arbeit mit Suchtkranken ist es so, dass mehr als 50% der Suchtkranken aus Familien stammen, in denen sie mit gutgemeinter Liebe überschüttet und verwöhnt wurden. Sie wurden dabei unselbständig erzogen und machten sich später aus Angst von anderen Menschen abhängig. Diese Verwöhnten verzichten oft auf die eigene Meinung, passen sich allen Situationen an, machen einen angenehmen und lieben Eindruck. Das klingt zunächst sehr positiv.

 Doch diese Menschen leiden darunter, dass sie von anderen ausgenutzt und nicht ernstgenommen werden. Sie haben kaum Mut, ihre Meinung zu sagen und leiden unter einem mangelhaften Selbstwertgefühl. Sie haben eine große Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit einerseits und nach Selbständigkeit und Selbstachtung andererseits. Da liegt es nahe, dass diese Menschen den Alkohol nehmen, um sich zu trösten. Dann trinken sie sich Mut an, um endlich einmal ihre Interessen durchsetzen zu können, was später wieder Schuldgefühle hervorruft. Es ist ein ständiges Wechselspiel der Gefühle. Wenn in diesen schwierigen Gefühlsschwankungen nun das "Erleichterungsmittel" hilft, dann besteht die Gefahr, dass es immer wieder eingesetzt wird und eine Abhängigkeit entsteht.

 Viele Suchtkranke sind aber auch in einem Umfeld aufgewachsen, wo keine Geborgenheit, echte Gefühle und Liebe erlebt werden konnten. Miteinander Zärtlichkeiten austauschen war nicht erlaubt. Die Tochter durfte den Vater nicht umarmen und der Sohn sich nicht in den Arm der Mutter kuscheln. Tränen und Freudenausbrüche hatten keinen Platz.

 Ein Mann beschrieb das in der Suchtberatung einmal so: "Als ich meine Frau und die Eltern meiner Frau kennen lernte, da fühlte ich mich dort gleich richtig wohl. Ich merkte sofort, dass ich in einem Kühlhaus aufgewachsen war."

 Seine Ehe ging nach vier Jahren in die Brüche. Der junge Mann und Vater von zwei Kindern hatte zwar Sehnsucht nach Geborgenheit und Nestwärme, was er bei seinen Eltern nicht erlebt hatte. Als seine Frau mit ihm die Beziehung so leben wollte, war er dazu aber gar nicht in der Lage. Es war ihm so unerträglich und gefühlsmäßig eng, dass er die eigentlich positive Beziehung nur unter Alkohol ertragen konnte und bald aus der Beziehung ausbrach. Ein anderer berichtete, dass er seinen Vater nie lachend erlebt habe. Der sei immer so ordnungsbewusst und gesetzestreu gewesen, dass man nie gewagt habe, richtig zu leben. Es sei unerträglich gewesen, und alle Geschwister seien, als die Möglichkeit sich ergab, schnellstens aus dem Haus ausgezogen. Wie gern hätte er einen Vater gehabt wie die anderen Klassenkameraden. Wie gern hätte er mit seinem Vater gespielt. Der Alkohol habe ihn als Sohn zum mutigen Mann gemacht, so dass er dem "Alten" unter Alkoholeinfluss die Meinung sagen konnte. Auch jetzt sei er in einer neuen Familie, einer Clique, wo es hart "zur Sache" geht und sich "Kampftrinker" versammeln.

 Wohin zielt die Sehnsucht der Suchtkranken und die aller Menschen? Jeder Mensch will der werden und sein, wie Gott ihn angelegt und gedacht hat.

 Wir alle brauchen Geborgenheit, Heimat und Nestwärme, ohne dass wir von anderen Menschen bevormundet und fremdbestimmt werden. Wir alle brauchen persönliche Freiheit, Selbständigkeit und kreative Freiräume, ohne dass wir andern den Lebensraum nehmen und beziehungs- und verantwortungslos leben. Wir alle brauchen ehrliche Anerkennung, Wertschätzung und Liebe, ohne dass wir getäuscht werden.

 Wir alle brauchen wieder eine tragfähige Beziehung zu Gott, dem Schöpfer. Unser Gott und Vater begegnet uns in seinem Sohn Jesus Christus und schenkt uns durch sein Wort heute schon ein Stück Paradies. Doch spüren wir alle deutlich, dass die tiefe Sehnsucht endgültig erst gestillt sein wird, wenn wir wieder in Gottes Nähe leben und ihn von Angesicht sehen. Die (Sehn-) Sucht kann gestillt werden, wenn wir Gott als dem rechten Vater begegnen und ihn kennen lernen.