Glaube - eine Betrachtung


GLAUBE - eine Betrachtung

 

Als ich kürzlich eines Nachts nicht schlafen konnte, stand ich nach einigem Hin- und Herwälzen auf, um in die Küche zu gehen. Nachdem ich etwa eine Minute lang in den Kühlschrank geschaut und auch das Tiefkühlfach durchforstet hatte, wandte ich mich schließlich dem Vorratsschrank zu, um dann wieder von neuem zu beginnen. Bei der dritten oder vierten Inspektion des Kühlschrankinhalts förderte ich zu guter Letzt etwas übrig gebliebenen Hackbraten hinter der Milch zutage, machte mir ein Sandwich und schaute, ob es um zwei Uhr nachts nicht noch etwas Gutes im Fernsehen gab.

 

Während ich so durch die verschiedenen Programme zappte, stieß ich unter anderem auf eine Star-Trek-Wiederholung, eine alte M.A.S.H.-Folge und eine Werbeinformation für den Dampfreiniger Steam Buggy. Dann blieb ich bei einem bebrillten, weißhaarigen Prediger hängen, der mit gerunzelter Stirn und wichtigtuerischer Miene seine Zuhörer bedrohlich warnend dazu aufrief, doch ja „aufzuwachen“ und „das Gesetz Gottes“ einschließlich – wie er ausdrücklich betonte – der Heiligung des Sabbats einzuhalten, sonst kämen sie nicht ins Reich Gottes.

 

Er war Furcht erregend. Er hatte sich eine Reihe von Versen bereitgelegt, die – geradewegs der Bibel entnommen – den Eindruck vermittelten, dass Gott wohl mit so ziemlich jedem ein Hühnchen zu rupfen hätte und der einzige Weg aus diesem schrecklichen Schlamassel, in den wir uns selbst hineingeritten hätten, darin bestünde, „Buße zu tun“ und „mit der Einhaltung von Gottes Gesetz Ernst zu machen“.

 

„Oh, man hat Ihnen gesagt, es bedürfe allein des Glaubens, aber das stimmt nicht“, sagte er. „All jene, die dies predigen, verkündigen einen leeren, bedeutungslosen Glauben. Gott wird Sie nicht erretten, wenn Sie sein Gesetz nicht halten.“

 

Ich fragte mich, was dieser Prediger wohl als „Halten von Gottes Gesetz“ gelten lässt. Meint er tatsächlich, was er da sagt? Meint er, dass – unabhängig vom Glauben – schon eine einzige Sünde einen Menschen in die Hölle verbannen werde? Wie gut muss man seiner Meinung nach Gottes Gesetz halten, um errettet zu werden? Sind, sagen wir, 95 Prozent gut genug? Oder muss man vollkommen sein?

 

Zugegebenermaßen räumte er schließlich ein, niemand könne Gottes Gesetz vollkommen einhalten, „zumindest nicht aus eigener Kraft“, aber durch den uns innewohnenden Christus, der dies vermag, könnten auch wir es. Ich fühlte mich elend. Da erzählte dieser besserwisserische, selbst ernannte Prophet seinen Zuhörern, wenn Christus in ihnen wohnt, könnten sie das Gesetz Gottes nicht nur vollkommen halten, sie müssten es auch, denn anderenfalls würden sie mit Sicherheit nicht errettet werden.

 

Moment mal. An dieser Stelle würde ich gern darauf hinweisen, dass kein Christ, weder der todernst, mit versteinerter Miene dreinblickende Prediger auf dem Bildschirm noch der Apostel Paulus selbst, es JEMALS schaffte, nicht mehr zu sündigen, auch wenn Christus in ihnen wohnte.

 

Es ist mir ein Rätsel, warum dies den so Gesetzesgläubigen scheinbar nie aufgefallen ist. Vielleicht aber bemerken sie diese Ungereimtheit sogar, verbannen sie jedoch schnell aus ihren Köpfen, weil sie mit ihrer fein säuberlich zurechtgelegten Sichtweise der Erlösung nicht zusammenpasst. Vielleicht aber ist ihnen dieser Gedanke auch noch nie gekommen, und sie glauben in der Tat, dass irgendwo, irgendwie und irgendwer schließlich doch – zumindest durch die Hilfe des Heiligen Geistes – alle Sünden überwand, Vollkommenheit erlangte und starb, ohne der Sünde noch einmal anheim gefallen zu sein.

 

Nur in Christus

 

Das Evangelium lehrt uns, dass „Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit [...] um seiner großen Liebe willen, mit der er uns geliebt hat, uns, die wir doch durch die Übertretungen tot waren, mit Christus lebendig gemacht [hat] – durch Gnade seid ihr gerettet“ (Eph 2,4-5; Zürcher Bibel). Das gerechte – das geheiligte und vollkommene Ich – ist ein Wunder der Gnade, die Gott uns in Christus zuteil werden ließ. Unser vollkommenes Ich ist „mit Christus in Gott verborgen“ und wird für uns und alle anderen erst bei Christi Wiederkunft sichtbar (Kol 3,2-3; Zürcher Bibel). Wir erlangen in diesem Leben keine Vollkommenheit, indem wir uns wirklich sehr bemühen oder uns Ziele setzen, wie wir den Sieg davonzutragen gedenken, indem wir irgendeines Angst schürenden Predigers Sieben-Punkte-Programm folgen oder wie auch immer gearteten anderen christlichen Werken bzw. hochtrabend klingenden Platitüden Glauben schenken.

 

Gerechtigkeit erlangen wir durch Gott um Jesu Christi willen – und nur um seiner willen –, und dies ist so, weil Gott heilig und gut ist, weil er voller Gnade ist und uns liebt und weil sein Wille geschieht, Punkt, aus (Kol 1,19.20). Deshalb vertrauen wir ihm allein unser Heil und unsere Erlösung an und nicht dem neuesten uns den Sieg verheißenden Glaubensschema. Friedlich gestimmt begab ich mich wieder ins Bett, wo ich in null Komma nichts einschlief.

 

Was müssen wir tun?

 

Unsere Erlösung verdanken wir einzig und allein der Gnade Gottes, die uns trotz unserer Sünden um Jesu Christi willen ohne Gegenleistung zuteil wird, und wir dürfen uns dieses Geschenkes erfreuen, indem wir auf ihn vertrauen. Vertrauen wir nicht auf ihn, so kommen wir nicht in den Genuss des Geschenkes, das er uns zugedacht hat; vertrauen wir auf ihn, so wird es uns zuteil. So einfach ist das.

 

Wir brauchen nicht über fundierte Theologiekenntnisse zu verfügen, müssen uns nicht zum „richtigen“ Glauben bekennen und auch nicht die „richtigen“ Textstellen wiedergeben können, wir müssen nicht die „richtigen“ Bücher lesen und auch nicht der „richtigen“ Gemeinschaft angehören. Er ist bereits unser Erlöser, er hat uns schon erlöst. Alles, was uns noch zu tun bleibt, ist, darauf zu vertrauen, dass er tut, was er bislang schon getan hat, und dass er ist, wer er immer war.

 

„Aber Sie sollten aufhören zu sündigen“, gemahnt uns der bärbeißige Prediger, der stets und ständig drohend auf der Lauer zu liegen scheint. Nun, wenn er selbst denn aufhört zu sündigen, können wir es ja vielleicht auch. Aber es wird ihm nicht gelingen, weil er genauso wenig wie wir dazu in der Lage ist. Und je früher wir zu dieser Erkenntnis gelangen, umso früher werden wir was uns belastet getrost Christus anvertrauen und wahren Frieden in ihm finden.

 

Am Ufer des Sees von Tiberias wurde Jesus einmal von einer Menschenmenge gefragt: „Was sollen wir tun, dass wir Gottes Werke wirken?“ Jesus antwortete: „Das ist Gottes Werk, daß ihr an den glaubt, den er gesandt hat“ (Joh 6,28-29).

 

„Aber meine Sünden!“, mag Ihr geplagtes Gewissen protestieren. Hören Sie, Jesus weiß, dass Sie ein Sünder sind. Genau aus diesem Grunde ist er für Sie gestorben. Messen Sie Ihren Sünden nicht mehr Gewicht zu als dem Schöpfer und Erlöser des gesamten Universums. Sünde und Tod sind besiegt. Auch Ihre Sünden und Ihr Tod sind besiegt. Sie sind besiegt, weil Gott sie bezwungen und ausgemerzt hat und alles durch das Blut Jesu Christi mit sich versöhnte (Kol 1,19-20). Das ist das Evangelium, und das ist es, was Sie kraft des Heiligen Geistes wissen und glauben dürfen, damit Sie in Christus Ruhe finden können, anstatt sich so sehr zu sorgen.

 

Nicht durch Glauben errettet

 

Wir sind errettet dank Gottes Gnade, dank seiner Güte uns gegenüber, die sich in Jesus Christus in ihrer Vollkommenheit offenbarte. Keines unserer Werke, nicht einmal unser Glaube, kann uns Erlösung bringen. Unser Heil ist in Gänze Gottes Werk für uns – vom Anfang bis zum Ende. Unser Glaube ist nichts anderes als unser Akzeptieren dessen, was unser himmlischer Vater uns bereits zuteil werden ließ, obwohl wir es gar nicht verdienten. Der Glaube ist nicht der Auslöser, es uns zu schenken, er überzeugt ihn nicht, es uns zuteil werden zu lassen. Der Herr enthält es uns nicht einmal vor, bis wir den Glauben haben; er starb für uns, als wir noch Sünder waren, bevor wir glaubten (Röm 5,8).

 

Ohne den Glauben aber werden, ja können wir sein Geschenk nicht erkennen, wahrnehmen und Freude an ihm haben. Mit anderen Worten, wenn wir ihm nicht vertrauen, werden wir ihm nicht glauben, was bedeutet, dass wir sein Geschenk nicht annehmen und es nicht nutzen. Und wenn Sie nicht glauben, etwas zu besitzen, und es deshalb nicht nutzen, ist es so, als hätten Sie es gar nicht. Der Glaube errettet uns nicht, aber ohne den Glauben ist die Erlösung, die uns in Christus dank Gottes Gnade zuteil wird, für uns bedeutungslos.

 

Nun mögen wir lamentieren: „Aber ich bin mir meines Glaubens nicht sicher.“ Dank Gottes Gnade ist diese Sorge unbegründet. Jesus besitzt genug Glauben für uns alle. Er trägt nicht nur für den Gehorsam und die Vollkommenheit Sorge, sondern auch für den Glauben (vgl. 2Pt 1,3: „Alles, was zum Leben und zur Frömmigkeit dient, hat uns seine göttliche Kraft geschenkt durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch seine Herrlichkeit und Kraft“). Anstatt uns also darum zu sorgen, nicht genügend Glauben zu besitzen, können wir einfach darauf vertrauen, dass Christus uns trotz unserer Zweifel und Schwächen errettet. Wir können uns darauf verlassen, dass er für uns den Glauben hat, den wir brauchen, um an ihn zu glauben.

 

Wir können darauf vertrauen, dass Christus uns trotz unserer Sünden, unserer Vergangenheit, unserer Ignoranz, unserer Angst und unserer Zweifel errettet. Wir können uns darauf verlassen, dass er für uns all das aufbringt, was Gott uns abverlangt, weil er die Verkörperung all dessen ist.

 

„Moment mal“, mögen Sie sagen, „gerade führten Sie noch aus, dass wir des Glaubens bedürfen, um uns dann wenig später zu versichern, wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen, wenn wir ihn nicht besäßen. Welche Art von Verwirrspiel machen Sie da eigentlich mit uns?“

 

Kein Verwirrspiel. Es geht einfach darum, dass wir lernen müssen, auf Jesus zu vertrauen und nicht auf den Glauben. Hören Sie, wenn wir anfangen, unser Verhalten zu analysieren, um herauszufinden, ob wir vor Gott damit bestehen können, befinden wir uns auf der Verliererstraße, denn unser Verhalten ist, um es vorwegzunehmen, nie gut genug.

 

Genauso verhält es sich, wenn wir beginnen, unseren Glauben zu analysieren, um herauszufinden, ob wir mit ihm bestehen können: Indem wir so handeln, sprechen wir uns selbst den wahren Glauben ab, der einfach darin besteht, auf Jesus zu vertrauen. Denn stattdessen erheben wir nämlich den Glauben selbst zu einem neuen Werk zur Erlangung des Heils und machen damit alles zunichte.

 

Deshalb sollten wir, wenn wir besorgt sind, nicht genügend Glauben zu besitzen, einfach darauf vertrauen, dass Jesus, dessen Glaube vollkommen ist, alles ist, was wir zu unserem Heil brauchen. Wir vertrauen auf ihn, nicht auf unseren Glauben. Wir können unsere Sorge hinsichtlich unseres Glaubens getrost beiseite schieben und uns ins Gedächtnis zurückrufen, dass wir (aus Gottes Gnade – befreit und getrieben durch den Heiligen Geist) getrost darauf vertrauen können, dass Jesus uns erretten wird, ganz gleich wie die Dinge zu liegen scheinen