Errettet aus Gnade - Sonettenkranz XV
I
´Wer hat das Recht, mich gnadenlos zu richten?
Ich brach die Ehe, kenne mein Vergehn.
Ihr wollt mich strafen, tot, gesteinigt sehn?
Zur Not erfändet ihr sogar Geschichten,
den Streit gezielt zu schüren statt zu schlichten,
um selbst als Makellose dazustehn,
nach eurem Maß Gebote zu verdrehn.
Dem Buhlen auferlegt ihr keine Pflichten?
Ihr wollt Gerechtigkeit und laßt ihn laufen,
um mich als Bauernopfer bloßzustellen?
Wo darf das Sünderherz um Gnade flehn?
Was spendet ihr, um Seelen freizukaufen?
Wer wird das Urteil über Heuchler fällen?
Für eure Zwecke nutzt ihr mein Vergehn.´
II
´Für eure Zwecke nutzt ihr mein Vergehn.´ -
Wer war die Frau, die keine Gnade fand?
Sie ist als Ehebrecherin bekannt.
Der Ehebrecher ließ sie feige stehn.
Die Frömmler wollten Steine fliegen sehn,
regierten mit Gesetz und harter Hand.
Die Menge gaffte, außer Rand und Band. -
Der Herr erhörte der Geschmähten Flehn,
das schweigend Scham empfand, die Tat bereute.
Sie zerrten sie zu Jesus, denn sie dachten:
´Dem werden wir den Strick aus Worten drehn.´
Sie boten sich dem Teufel blind als Beute,
da sie sich selbst in dessen Küche brachten,
um schuldbefleckt auf Schuld herabzusehn.
III
Um schuldbefleckt auf Schuld herabzusehn,
bedarf es weiter nichts als schwarzer Keller.
Denn weißbewestet leuchten Leichen heller,
sofern sie nicht am Pranger Schlange stehn,
um unbußfertig in die Knie zu gehn. -
Die list- und tückenreichen Schrift-Entsteller
bemühten sich mit intellektueller
Finesse, Nächste durch den Wolf zu drehn. -
Und Jesus schwieg. Er kannte ihre Schlingen,
mit denen sie versuchten, Ihn zu fangen
durch Fragen, um den Menschensohn zu richten,
erpicht darauf, den Herrn zu Fall zu bringen. -
Ihr seid mit eurem Haß zu weit gegangen!
Euch dürstet nach Gerechtigkeit? Mitnichten!
IV
Dich dürstet nach Gerechtigkeit? Mitnichten!
Du sprichst von Religion und trittst den Glauben
mit Füßen, Dir die Freiheit zu erlauben,
die Finten sät, um Schaden anzurichten,
bei denen, die sich dem Gebot verpflichten,
den Herrn zu fürchten. - Schlachte nicht die Tauben,
die flügelschlagend Dich des Schlafs berauben.
Ihr Lied des Friedens könnte Dich im schlichten
Allegro trister Zweifel-Haft entheben. -
Auf welcher Seite hättest Du gestanden,
als Mensch beschloß, den Heiland hinzurichten?
Wann wurde Dir zum letzten Mal vergeben?
Die Ihm vertrauen, werden nicht zuschanden.
Wer sucht, dem Höchsten Übles anzudichten?
V
Ihr sucht, dem Höchsten Übles anzudichten,
indem ihr Fallen stellt durch fromme Fragen?
Ihr wartet nur darauf, Ihn anzuklagen
wie die auf Trug und Hohngespött Erpichten?
Ihr wollt der Sünder Hoffnung blind vernichten,
anstatt den Pfad der Buße einzuschlagen,
auf dem die Rettungslosen Umkehr wagen?
Statt Stufen sucht ihr, Mauern zu errichten!
Verhärtet ist das Herz der Selbstgerechten,
die reuelos Gesetze höher stellen
als Mitgefühl, um achtbar dazustehn.
Durch Dogmen wollt ihr Heimatlose knechten.
Sie werden über euch das Urteil fällen. -
Aus Gottes Worten wollt ihr Stricke drehn?
VI
Aus Seinen Worten wollt ihr Stricke drehn?
"Wie sollen wir mit dieser Frau verfahren?"
Der Heiland schwieg. Er kannte das Gebaren
der Heuchler, die sich als Gerechte sehn,
der Tradition verpflichtet. Ja, den Zehn-
ten zahlen sie, um betend Schein zu wahren.
Dressierte Machtgier hinter den Talaren,
Verirrte, die auf breiten Wegen gehn.
Gehorsam ohne Liebe bringt Verderben.
Aus Liebe darf der Sünder Glauben wagen.
Der Herr erhört der Ungeliebten Flehn.
Im Erdreich muß das Weizenkorn ersterben,
um Frucht zu bringen. Mag der Zweifler fragen:
"Wer kann des Herrn Barmherzigkeit verstehn?"
VII
Wer kann des Herrn Barmherzigkeit verstehn,
die denen gilt, die ihre Schuld erkennen,
sie unmaskiert beim nackten Namen nennen,
um aus Verzweiflung ins Gebet zu gehn,
und ohne Wenn und Aber einzusehn:
Vergeblich ist´s, vor Gott davon zu rennen.
Die Sünde wird das Kind vom Vater trennen,
Es darf getrost beim Herrn um Gnade flehn.
Gesetzlichkeit, die Mitgefühl verwehrt,
verdreht das Wort, das von Vergebung spricht.
Wer drohte Dir als Kind mit Höllenqualen,
sofern Du nicht gehorchst? Der Mensch verkehrt
des Herrn Gebot, damit der Mensch zerbricht. -
"Ihr Heuchler zählt mich zu den Bösewichten?"
VIII
´Ihr Heuchler zählt mich zu den Bösewichten,
behandelt mich als Ding, um Ihn zu schwächen?
Aus euren Blicken schreit sich das Verbrechen
des "Kreuzigt ihn!" Ihr wollt den Höchsten richten
und mich als Sündenbock gleich mit vernichten?
Wen mußtet ihr für eure List bestechen?
Den Buhlen, der zu feig war vorzusprechen?
Auf seinen Einsatz kann ich gut verzichten!´
Gedanken, die - aus Angst - ins Schweigen fielen,
erreichten DEN, der Todesängste trug.
Sie konnten Ihn für keine Schuld belangen.
So mußten Sie auf Seine Sanftmut zielen,
für die man später Ihn in Banden schlug.
Für Sünder ist der Herr ans Kreuz gegangen.
IX
Für Sünder ist der Herr ans Kreuz gegangen.
Wer jemals Schmach erlitt, der kann verstehn,
wie Menschen ohne Gott zugrunde gehn,
in Unversöhnlichkeit und Schuld gefangen.
´Es drängte mich, Vergebung zu erlangen.
Wie konnte ich dem Herrn ins Antlitz sehn?
Erahnte Er mein reuevolles Flehn?
Ich mußte um mein kleines Leben bangen.
Doch Jesus schwieg. Er bückte sich und schrieb
Sein Schweigen in den Sand als wärs ein Wort,
das Winde für die Ewigkeit bewahren.
Ich las für mich heraus: ´Ich hab Dich lieb.
Ich trage Deine Sündenlasten fort.
Dir ist Vergebung, Gnade widerfahren!´
X
Mir ist Vergebung, Gnade widerfahren!
Ein Satz genügte aus des Heilands Munde.
Er blickte fordernd in die laute Runde
der Spötter, die mit Schuld beladen waren.
Da standen sie, die scheinbar Unfehlbaren.
Und zu derselben segensreichen Stunde
trat Stille ein. - Vernimm die ernste Kunde
des einzig, dreimal heilig Wunderbaren:
"Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe
den ersten Stein auf sie." - Wo Liebe spricht,
verurteilt sie zum Angenommensein.
Gebot der Liebe - Worte, deren Schärfe
sich Bahn ins harte Herz der Feinde bricht. -
Wer wirft - gen Golgatha - den ersten Stein?
XI
´Wer wirft - gen Golgatha - den ersten Stein?
Denn dorthin hat der Herr die Schuld getragen,
für die ihr wagt, mich feige anzuklagen.
Der Heiland läßt die Seinen nicht allein.
Wem willst Du, Sünder, ausgeliefert sein,
wenn Gnadenlose Dich in Wüsten jagen?
Wo können Heimatlose Wurzeln schlagen?
Wer legt die Hoffnung in ihr Herz hinein? -
Der Höchste bückte sich erneut und schrieb
Sein Heiligschweigen in den groben Sand.
Mir war, als hielte mich Sein Trost umfangen,
als ich Ihn leise bat: Oh Herr, vergib!
Und zeichne mein Gebet in Deine Hand.
Ich bin errettet! Kann ich mehr verlangen?´
XII
´Ich bin errettet! Kann ich mehr verlangen?´ -
Die Frau begriff, was Jesus durch Sein Schweigen
bewirkte. Denn sie konnte Reue zeigen.
Ein Heuchler nach dem andern war gegangen,
denn alle waren sie in Schuld gefangen
und mußten stumm vor Scham die Häupter neigen,
als Kriecher, die von hohen Rossen steigen,
und um den Ruf der weißen Westen bangen.
Ob ihnen aufgegangen war, wie sehr
der Menschensohn die Menschenkinder liebt?
´Ich kehrte um, Vergebung zu erfahren.´
"Geh hin und sündige hinfort nicht mehr."
´Wohl dem, der glauben kann: Der Herr vergibt.
Aus Liebe will der Heiland mich bewahren.´
XIII
´Aus Liebe will der Heiland mich bewahren.
Er ist gekommen, Sünder zu erretten,
damit sie Frieden, ja, Erlösung hätten.
Gott will sich Dir in Jesus offenbaren.
Wer Ihm vertraut, darf Seinen Trost erfahren.
Der Berge weichen läßt, der sprengt die Ketten
der Sünde. Aus der Seele Trümmerstätten
errettet Er. - Oh, preist den Unsichtbaren,
der keine Mühe scheute, mich zu finden!
Aus Todes Klauen hat Er mich gerissen,
denn niemand warf auf mich den ersten Stein.
Die auf Ihn bauten, werden überwinden.
Der Glaube reift und wächst an Hindernissen.
Verurteilt mich. Er wird mein Zeuge sein!´
XIV
Verurteilt mich. Er wird mein Zeuge sein!
Mit meinem Heiland will ich neu beginnen.
Denn aus dem Dunkel gibt es ein Entrinnen.
Kein Mensch wäscht Dich von Sündenflecken rein.
Du spottest, Narr? So wirf den ersten Stein!
Mich wirst Du nicht für Deinen Hohn gewinnen.
Der Herr gebraucht das Wort von Dichterinnen,
um Dir zu sagen: "Du bist nicht allein!"
Laß ruhn des Zweifels ungewisse Fragen.
Der Höchste liebt Dich. Öffne Ihm die Tür,
anstatt Dir Illusionen zu erdichten.
Mich hat der Herr durchs Finstertal getragen.
Ihm will ich Dank erbringen, für und für.
Wer hat das Recht, mich gnadenlos zu richten?
Meistersonett
´Wer hat das Recht, mich gnadenlos zu richten?
Für eure Zwecke nutzt ihr mein Vergehn,
um schuldbefleckt auf Schuld herabzusehn.
Euch dürstet nach Gerechtigkeit? Mitnichten!
Ihr sucht, dem Höchsten Übles anzudichten?
Aus Seinen Worten wollt ihr Stricke drehn?
Wer kann des Herrn Barmherzigkeit verstehn?
Ihr Heuchler zählt mich zu den Bösewichten?
Für Sünder ist der Herr ans Kreuz gegangen.
Mir ist Vergebung, Gnade widerfahren!
Wer wirft - gen Golgatha - den ersten Stein?
Ich bin errettet! Kann ich mehr verlangen?
Aus Liebe will der Heiland mich bewahren.
Verurteilt mich. Er wird mein Zeuge sein!´
© V F
Quellen:
http://rincon-de-paz.jimdo.com/
"Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme. Denn wir sind sein Gebilde, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott vorher bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen." - Epheser 2, 8-10
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