Die Stunde des Menschen
Jesus spricht von ihr als der "Stunde" des Menschen (Lk. 22,53). Von dem Sündenfall an bis zu dieser Stunde war der Mensch durch die zurückhaltende Hand Gottes in Schach gehalten worden.
Er war bisher aus Barmherzigkeit zurückgehalten worden, den vollen Gedanken seines Herzens auszuführen.
Er hatte die Erde verderbt, angefüllt mit Gewalttat, unschuldiges Blut vergossen, das Gesetz gebrochen, die Dämonen angebetet, die Diener Gottes erschlagen und Christus gehasst, der in die Welt gekommen war in Gnade und Liebe. Aber seine Feindschaft war unter der Kontrolle Gottes gewesen, und er wurde gehindert, alles das zu tun, wozu er sich geneigt fühlte. Angetrieben durch den grundlosen Hass seines harten und gottlosen Herzens war er oft bereit gewesen, Jesus zu steinigen, aber irgendwie fand er sich selbst unfähig, seine mörderischen Absichten auszuführen.
Aber nun war seine "Stunde" gekommen, die Grenze, die seinem Zorn gesetzt war, wurde aufgehoben; die Tore, durch welche sich seine böse Natur ergießen sollte, wurden offengerissen, Zaum und Zügel, die in einem gewissen Maß seine respektlosen Handlungen in Schach gehalten hatten, wurden abgeworfen. Er fühlte zum ersten Mal in seiner Geschichte seit dem Fall, was wahre Freiheit ist, so weit wie Freiheit vom Eingreifen Gottes geht. Von der göttlichen Kontrolle ist er frei und gelöst, und das Universum schaut zu, welchen Gebrauch er jetzt von seiner Freiheit macht.
Ach, der arme Mensch! Seine Freiheit ist sein Ruin, wie kann es auch anders sein. Wie die Gardarener Schweineherde stürzt er einen Abhang hinab, kopflos, immer schneller ins Verderben. Es war dieselbe Macht, die beide zur Vernichtung trieb. Was die "Stunde des Menschen" kennzeichnete, war die "Macht der Finsternis". Er musste entweder durch die Macht Gottes bewahrt werden, oder er wurde durch den Teufel ins Verderben getrieben. Was nützte ihm seine Freiheit? In seiner Freiheit war er das Werkzeug des Teufels. Stolz, ehrgeizig, rebellisch und ohne jegliches Vertrauen in Den, der Seinen eingeborenen Sohn gesandt hatte, wollte er selbst für sein Glücklichsein sorgen. Das Gott für ihn sorgen wollte, das passte ihm nicht. Er wollte seinen eigenen Weg gehen und für sich selbst sorgen. Schreckliche Unvernunft! In einem gewissen Sinn war es wahr, dass er niemals zuvor so frei gewesen war, aber in einem anderen Sinn war es genau so wahr, dass er niemals solch ein Sklave gewesen war. Seine Freiheit warf ihn vollständig in die Hände Satans
.Die Bosheit der Juden erstaunte den heidnischen Machthaber, und das Schwanken und die Feigheit des Pilatus hat die Welt erstaunt. Bei dem Verräter kommt die Treulosigkeit des menschlichen Herzen so schrecklich ans Licht, dass sogar die natürliche Selbstachtung die Tat verabscheut, und die Handlung war so verächtlich selbst für den Menschen, der sie vollbracht hat, dass, nachdem er diese Tat begangen hatte, seine eigene Existenz ihm selbst unerträglich wird, und in Verzweiflung geht er hinaus und erhängt sich.
Bevor die Stunde des Menschen angebrochen war, waren Leuchten und Fackeln und Waffen, die von starken, entschlossenen Männern getragen wurden, für Petrus nicht mehr als morsches Holz. Aber als die Stunde wirklich gekommen war, da erfüllte ihn die unschuldige Frage einer Magd, die zu dem Palast des Hohenpriesters gehörte, mit unbeschreiblichem Schrecken, obwohl es eine Frage war, die ihn in die richtige Verbindung zu Jesus hätte stellen können. Und dieser Sohn Jonas, der sonst so besonders mutig war und der seinen Herrn wirklich liebte, leugnet, dass er Ihn jemals gekannt habe, und das sogar mit Schwüren und Flüchen. Die anderen Jünger, die auch so prahlerisch auf dem Ölberg gewesen waren, sind jetzt überhaupt nicht zu sehen.
Der Jünger, den Jesus liebte, ist bei seinem Meister auf dem Verhör, aber er ist da unter dem Schutz des Hohenpriesters (Joh. 18,15). Es war die Stunde des Menschen und die Gewalt der Finsternis und keiner konnte stehen außer in der Kraft Gottes. Was für eine Stunde war das!Jeder Menschtyp war da, und alle hatten den Verstand verloren in ihrer Feindschaft gegen den, der hier so demütig litt.
Wir sehen, wie Pilatus Ihn dazu bestimmte, die Schande der Geißelung auf Sich zu nehmen, obwohl er bekennen musste, dass er keine Schuld gefunden hatte. Herodes mit seinen Kriegsleuten machte Ihn lächerlich, man krönte Ihn mit Dornen, beugte im Spott die Knie vor Ihm. Die Priester, deren Aufgabe eigentlich die Verteidigung des Angeklagten war, verurteilten Ihn und klagten Ihn an. Das Gesetz, welches Er geehrt und groß gemacht hatte, wurde gegen Ihn angewandt mit dem Ziel, Ihn zu vernichten.
Ein Räuber wird dem vorgezogen, der mit verschwenderischer Gütigkeit Sein Volk mit Wohltätigkeiten überschüttet hatte, und ein Mörder wird eher gewählt, als der Fürst des Lebens.
Für das Brot, womit Er sie gespeist hatte, bezahlten sie Ihn mit Schlägen. Für die Heilung ihrer Kranken, belohnten sie Ihn mit einem qualvollen Tod am Kreuz; und für die Worte der Gnade, die über Seine gesegneten Lippen gekommen waren, häuften sie Anathemas auf Sein dornengekröntes Haupt. Was sollte das?
Keiner von ihnen hätte eine vernünftige Antwort auf diese Frage geben können. In dieser Stunde war der Palast des Hohenpriester wirklich ein Inferno, denn hier hatte sich das Konzil der Dämonen versammelt.Der Mensch wurde kontrolliert von einer Macht, von der er nichts wusste. Er hatte Gott hinter sich geworfen, der ihn bisher zurückgehalten hatte zu seinem Guten, aber nun ist er unter der Kontrolle dessen, der ihn kopfüber ins Verderben treibt, aber auf einem Weg, der trotz allem ein Weg ist, den er gerne geht. Gepeinigt durch seine Ängste, entbrannt durch seine Lüste, verblendet durch seinen Hass, irregeleitet durch seinen Stolz, verhärtet im Gewissen durch gute Bekanntschaft mit der Sünde, mitleidslos in seinen Handlungen mit allem Göttlichen und bezüglich aller seiner gefallenen, grausamen und verderbten Lüste und Leidenschaften bearbeitet und hochgepeitscht durch die Einflüsse der Hölle, wird ihn nichts befriedigen als nur die Erniedrigung, das schreckliche Leid und der Tod dessen, der umhergegangen war, wohltuend und heilend alle, die vom Teufel überwältigt waren. Es war in der Tat die Stunde des Menschen, und es war eine Stunde von ungehinderter Bosheit.
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