Der verborgene Christus
Der verborgene Christus
Jesus, der Christus aus Gott, offenbarte sich der Welt nicht im großen Stil, sondern nur einer Handvoll von Jüngern. Wir sollten uns fragen, warum er nicht auf einem Berg, umgeben von gleißendem Licht erschien oder in einer Wolke herunter schwebte, sondern in die Welt hineingeboren wurde als Säugling in einem Viehstall. Einige Schäfer beteten ihn an in der Nacht, in der er geboren wurde. Simeon und Anna segneten ihn im Tempel anlässlich seiner Weihe, und zwei Jahre später beteten ihn zwei Astrologen aus dem Osten an. Doch niemand sonst auf der ganzen Welt erfasste die Bedeutsamkeit dieses Kindes. Es war vor 99,9 % der Welt verborgen. Als Jesus zum ersten Mal Petrus traf, wie nahm Petrus Jesus wahr? Hier ist ein Rabbi, der mit seinen interessanten Geschichten und Lehren ziemlich große Menschenmassen anzieht. Nun ja, daran ist nichts falsch, ich lasse dich sogar mein Boot ausleihen, während du predigst. - Nahm Petrus wahr, wer dieser Mann wirklich war? Natürlich nicht. Er nannte ihn "Lehrer" und "Rabbi".
Doch dann hieß ihn der Lehrer hinauszufahren ins tiefe Wasser und die Netze auszuwerfen, um Fische zu fangen. Petrus musste entscheiden, ob er gehorchen sollte oder nicht. Immerhin war Petrus Fischer, er hatte bereits die ganze Nacht gefischt und doch nichts gefangen, also was sollte das Ganze? Trotzdem fügte er sich. Als er tat, was Jesus ihm gesagt hatte und sie die Netze hinunterließen, fingen sie eine ungewöhnlich große Menge Fische - so viele, dass ihr Boot zu kentern drohte. Für dich und mich mag dies wie Zufall oder Glück erscheinen. Manche mögen es auch ein Wunder nennen. Und es ist wunderbar, doch es ist mehr als ein Wunder, es ist ein Zeichen. Ein Zeichen ist ein Wunder, welches auf eine Wahrheit hindeutet. Dies ist ein Wunder, doch das Wunder geschah nicht nur zum Wohle Petrus, damit er für seinen Handel Fisch in Hülle und Fülle erhalten sollte. Es war ein Zeichen, von Christus gegeben, um sich Petrus zu offenbaren; in biblischer Sprache gleichbedeutend mit "Seine Herrlichkeit offenbarend". Es gibt nichts Herrliches im Menschensohn, doch im Sohn Gottes sehen wir Herrlichkeit.
Jesus sagte lediglich: "Fahrt hinaus ins Tiefe und werft dort eure Netze zum Fischfang aus." Nichtsdestotrotz nahm Petrus wahr, dass Jesus kein gewöhnlicher Mensch war. Denn als er sah, was geschehen war, fiel er nieder und schluchzte: "Herr, weiche von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch." Der Eine, den er Lehrer genannt hatte, nennt er nun Herr. Und augenblicklich wird Petrus veranlasst, den Kontrast zwischen sich selbst, einem sündhaften Menschen, und Christus, dem Heiligen Einen von Gott, zu sehen. Alle anderen hatten ebenfalls die Lehre gehört, doch Petrus sah die Person. Warum sollte das Einholen eines großen Netzes voller Fische solch eine Reaktion in Petrus hervorrufen? Warum war er nicht einfach nur dankbar, oder froh, oder auch ungläubig? Was bewegte ihn, auf seine Knie zu fallen und seine Sünde zu bekennen? Es geschah nicht, weil Jesus ihm einen Altaraufruf gab oder ihn durch das Gebet der Sündenbekenntnis führte, nicht einmal deshalb, weil er ihn fragte, ob er sein persönlicher Erlöser sein dürfe. Das war nicht notwendig, denn als Petrus´ Augen erstmal geöffnet worden waren, sodass er den wahren Jesus sehen konnte, fiel er ganz natürlich auf die Knie.
Zweck und Gegenstand des Christentums ist nicht, Menschen eine Lehre zu verabreichen oder sie ins Gebet zu führen, sondern sie einer Person vorzustellen. Ich hätte lieber dreißig Sekunden des Sehens als dreißig Jahre des Predigens. Leute könnten mir ein ganzes Leben lang beim Predigen zuhören und doch niemals ein einziges Wort verstehen. Doch wenn der Herr ihre Augen öffnet um zu SEHEN, über wen ich predige, dann werden sie alles verstehen.
Wenn Menschen in deiner Gegenwart sind, was berühren sie - ein Glaubenssystem, einen Verhaltenskodex, ethische Richtlinien oder eine Person? Wir mögen einen Überfluss an Worten und Lehren haben, doch sie alle zusammen genommen sind nichts als Buchstaben, wenn sie uns nicht beständig zu einem Lebendigen Christus weisen.
Wir haben ganz sicher versagt, wenn wir eine Lehre zusammenfügen können, die so leicht zu befolgen ist, dass wir den Herr Jesus nicht zu kennen brauchen. Wenn ich manchen Leuten beim Lehren zuhöre, wird mir unglücklicherweise klar, dass ihre Lehre von jedem Menschen zum guten Gebrauch verwendet werden kann, ob derjenige nun den Herrn kennt oder nicht. So ist diese Lehre wertlos für das Reich Gottes, denn sie schafft keine Abhängigkeit von Christus als Alles in Allem.
Letztendlich bewegte die Offenbarung Christi Petrus zu diesem mutigen Bekenntnis: "Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes." Jesus lehrte Petrus nicht, was er sagen sollte, sondern offenbarte sich ihm lediglich. Er setzte sich nicht hin mit seinen Jüngern und sagte: "Ich bin der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Nun sprecht mir das einige Male nach und ich werde euch dann morgen noch mal abfragen." Er lehrte sie keinen Katechismus oder Rosenkranz, kein Mantra und auch kein Bekenntnis, er offenbarte sich ihnen einfach so, wie er wahrhaftig ist. Sie legten das Bekenntnis zur rechten Zeit ab als sie die Offenbarung hatten.
Das Zeugnis von Jesus entspringt immer der Offenbarung von Jesus. Wenn wir die Offenbarung nicht haben, können wir auch nicht das Zeugnis haben. Oder anders gesagt, wir können nicht Zeugnis geben von dem, was wir gesehen und gehört haben, wenn wir in Wahrheit nichts gesehen oder gehört haben. Wir bemühen uns, Leute zu einem Bekenntnis zu bewegen, damit sie etwas ERLANGEN können, doch echtes Bekenntnis entsteht auf ganz natürliche Weise, nachdem sie es ERHALTEN haben.
Nicht allein war Christus selbst verborgen und wurde nur allmählich offenbart, sondern auch das meiste seiner Lehre war verborgen. Er hüllte die Wahrheit absichtlich in Parabeln ein und erklärte sich nur in privater Atmosphäre seinen Jüngern. Und selbst da wurde vieles was er sagte missverstanden. Sie konnten die Bedeutsamkeit seiner Rede nicht erfassen bis nach Seiner Wiederauferstehung als er ihre Sinne und Herzen zum Verständnis öffnete und der Geist kam, um Zeugnis von Christus zu geben und sie von innen her zu lehren.
Als Christus von den Toten wieder auferstand, hätten wir erwartet, dass er sich in seiner Lebendigkeit Pilatus, Herodes oder Kaiphas präsentiert würde, und auch all den Menschen, die ihn gekreuzigt hatten. Doch das tat er nicht. Wir sehen, dass Christus die Fähigkeit hatte, sich Menschen zu offenbaren oder eben auch nicht. Denn Maria hielt ihn für den Gärtner, und die zwei Jünger auf dem Weg nach Emmaus erkannten nicht, wer er war, weil es ihnen verborgen blieb. Wir erkennen, dass Christus nach seinem eigenen Willen Menschen offenbart wird oder verborgen bleibt. So viele erklärte Jünger des Herrn Jesus können Ihn nicht erkennen. Der Herr befiehlt ihnen nach Galiläa zu gehen, doch sie gehen nach Emmaus. Viele Leute, die in der Kirche sitzen, würden den Herrn Jesus nicht erkennen, wenn er den Mittelgang entlang nach vorne ginge und sich auf den Altar setzte. Sie sind nicht wirklich seine Schafe, deshalb können sie seine Stimme nicht hören und sie kennen ihn nicht.
Selbst seine engsten Jünger sind anfällig für Zweifel und Unglaube. Nach der Wiederauferstehung verkündete Thomas: "Ich werde nicht glauben bis ich die Narben sehe und meine Hand in die Wunde in seiner Seite legen kann." Als Jesus ihm daraufhin erschien, versuchte er nicht, Thomas zu bereden und zu überzeugen. Er sagte einfach: "Sieh! Schau! Siehe meine Hände und meine Füße!" Als Thomas den Herrn sah, rief er spontan aus: "Mein Herr und mein Gott!" Das ist Offenbarung. Offenbarung benötigt kein Überreden oder Überzeugen, als hinge alles davon ab, wie gut wir das Evangelium verteidigen können. Ich sehe kein Argument im Herrn Jesus, ich sehe nur Ihn. Ihn sehend bin ich überzeugt, und kein Argument ist vonnöten.
Es ist wichtig sich einzuprägen, dass das Sehen von dem wir hier sprechen, das innerliche Sehen ist, eine innere Offenbarung, eine Erleuchtung des Herzens. Jesus sagte zu Thomas, dass mehr als die, die mit ihren Augen sehen, jene gesegnet sind, die mit dem Geist sehen und Christus als Herrn und Gott kennen und wahrnehmen.
In Epheser 1 ist ein apostolisches Gebet aufgezeichnet, das diesen Bereich berührt:
"(Ich)... gedenke euer in meinem Gebet, dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen. Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwänglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde, mit der er in Christus gewirkt hat.
Dies ist ein gehaltvolles Gebet, eines auf hoher Ebene. Darin sind einige Lektionen für uns enthalten. Erstens, Gott muss uns seinen Sohn offenbaren durch den Geist, der unsere Herzen erleuchtet. Wie können wir das Vaterunser jahrelang beten und niemals in Gottes Sicht oder Gedanken eintreten inBezug auf die Bedeutung des Ganzen? Weil wir gelernt haben, das Vaterunser zu rezitieren, doch wir hatten nicht den Geist der Wahrheit und Offenbarung um zu SEHEN, worum wir beten. Paulus aber sah es. Wer hat es ihm gezeigt? Es kam zu ihm durch Offenbarung von Gott höchstpersönlich. "Selig sind die reinen Herzens, denn sie werden Gott schauen." Wo und wie sehen sie Ihn? Ihre Herzen werden erleuchtet und folglich rein gemacht. In gleicher Weise betet Paulus, dass auch uns diese Offenbarung von Christus gegeben würde.
Zweitens, der Begriff "erkennen" bzw. "Erkenntnis" ist hier nicht gleichbedeutend mit erlerntem Kopfwissen oder mit Fakten, die wir einer Enzyklopädie entnehmen können. Es geht hier um das griechische Wort EPI-GNOSIS, welches ein zusammengesetztes Wort ist, das genauer mit "Voll-Erkenntnis" übersetzt werden muss. Es bedeutet, in eine reife, erfahrungsgemäße, existenzielle und volle Kenntnis Christi zu kommen. Also betet Paulus - nicht für Sünder, sondern für Menschen, die bereits Christen sind - dass Gott ihnen Christus in beständig wachsendem Maße offenbaren möge, sodass Er alle Dinge ausfüllen würde. Es ist eine andere Art zu sagen: "Dein Reich komme, dein Wille geschehe." Denn dies ist in der Tat Gottes Wille, Gedanke und Entwurf für die Gemeinde, die Erde und das Universum - für die gesamte Schöpfung.
Es ist erstaunlich zu sehen, wie oft Paulus das Wort "alles" benutzt. Er sagt, die Gnade Gottes ist ALLEN Menschen erschienen, dass es sein Auftrag ist, ALLE Menschen sehend werden zu lassen, dass Christus ALLES in ALLEM erfüllen soll, dass ALLE Dinge in Christus zusammengeführt werden. Gottes Ende ist nicht die Gemeinde, sondern ALLES. Die Gemeinde ist nur der Anfang. Er beginnt mit einem Menschen (Abraham), dann kommt eine Familie (Israel), dann alle Nationen. In gleicher Weise beabsichtigt Gott den Einzelnen zu füllen, dann die Gemeinde, dann alle Dinge. Gott hat Christus absichtlich verborgen und macht ihn uns ausschließlich mittels Offenbarung verfügbar, wenn wir uns selbst in die Position von Kindern gedemütigt haben und unserer eigenen Weisheit absagen. Offenbarung ist ausreichend, denn wenn wir die Offenbarung Christi haben, sehen wir alles, was wir sehen müssen. Und wenn wir die Offenbarung des Christus nicht haben, wird uns auch alles andere nichts nützen. Die Gemeinde ist die Synthese individueller Jünger, die die Offenbarung von Christus bekommen und Sein Leben empfangen haben; und Jesus baut Seine Gemeinde auf die Offenbarung seiner selbst.
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