Der Freund vor der Tür


Der Freund vor der Tür

"Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an" (Offb. 3, 20).

 Jemand ist gekommen, dir einen Besuch abzustatten. Er will deine Bekanntschaft machen, dein Gast sein, eine angenehme Unterhaltung mit dir pflegen und auch die Gesellschaft deiner Angehörigen genießen. Er steht vor deiner Tür und klopft an. Zögere nicht, ihm aufzutun, denn er ist kein Bettler, der um Brot bittet. Er ist auch kein Hausierer, der billige Sachen verkauft, auch ist er kein Betrüger und Schwindler, der dich um das Deine bringen will. Er ist dein Freund und ist gekommen, um innige Freundschaft mit dir zu schließen.

 Warte nicht, bis dein Mann an seine Arbeit gegangen, oder bis deine Frau von der Stadt zurückgekehrt ist, oder die Kinder zur Schule gegangen sind; denn er klopft jetzt an, und jetzt tue ihm auch auf. Du brauchst nicht erst alles in deinem Hause in schönste Ordnung zu bringen, denn er ist ein Mann aus dem Volke, ein Freund der Niedrigen, jemand, der mit Leid und Kummer bekannt ist. Er kennt deine Lage und versteht es, Mitleid mit dir zu haben. Er wird dir auch in der Erfüllung deiner Pflichten und deiner häuslichen Arbeit helfen. Du brauchst dich deiner selbst und deines Heimes nicht schämen, denn er ist mit den bescheidensten Verhältnissen zufrieden. Er ist schon oft der Gast der Sünder gewesen, und nimmt irgend eine Gastfreundschaft entgegen, die ihm angeboten wird.

 "O ich weiß, wer er ist; ich habe schon von ihm gehört. Ich will diesen Menschen nicht in meinem Hause haben. Es ist mir nichts daran gelegen, einer seiner verfolgten Jünger zu werden. Er verkehrt mit dem gewöhnlichen Volke, mit den niederen Schichten der menschlichen Gesellschaft. Meine Freunde würden sich meiner schämen und mich verachten, wenn ich eine solche Person aufnehmen würde. Würde er eine angesehene Persönlichkeit sein und sich in vornehmen Kreisen bewegen, so würde ich nicht zögern, ihn einzulassen; aber würde ich mich mit diesem Mann einlassen, so würde mein Geschäft, mein gesellschaftlicher Einfluss und mein guter Ruf darunter leiden. Er kann am Tische meiner Dienstboten speisen, wenn er will, aber ich kann ihn nicht als Gast beherbergen; er ist mir zu gewöhnlich!"

Mein lieber Freund, du befindest dich im Irrtum. Er ist nicht der, für den du ihn hältst. Obwohl er keine "Gestalt noch Schöne" hat, und er der "Allerverachtetste und Unwerteste" und "voller Schmerzen und Krankheit" war, und wir unser "Angesicht vor ihm" verbargen, und ihn für "nichts geachtet" haben (Jes. 53, 3), so ist er dennoch der König der Herrlichkeit. Aber er schließt keinen wegen seiner hohen Stellung aus. Er geht in enge Gassen und vornehmen Straßen entlang. Er besucht die zerfallenen Hütten und die Paläste der Reichen, die Schlupfwinkel und Lasterhöhlen und die Wohnungen der Bürger. Bei ihm gilt kein Ansehen der Person. Ehe er zu deiner Tür kam, hat er vielleicht deiner Waschfrau einen Besuch abgestattet. Vielleicht hat er unterwegs mit dem Polizisten oder mit dem Straßenkehrer gesprochen. Es mag sein, dass er an dem pharisäischen "Hochehrwürden" vorbeigegangen ist, denn einige dieser Klassen sind zu hochmütig, als dass sie dem demütigen Gottessohne Aufmerksamkeit schenken würden. Ob einer hoch oder niedrig in den Augen der Welt steht, macht bei ihm keinen Unterschied. Jesus schenkt den Vorschriften der modernen Gesellschaft keine Aufmerksamkeit. Er will an jede Tür anklopfen, einen jeden besuchen, der mit ihm verkehren und die Tür aufschließen will. Er kommt zu dir als ein Freund und als solcher möchte er von dir aufgenommen werden.

Weise ihn in deinem Hochmut nicht zurück. Verweigere ihm nicht den Eintritt und ein freundliches Willkommen. Richtig betrachtet, solltest du es als eine hohe Ehre ansehen, ihn als deinen Gast zu betrachten. Er ist größer, als ein irdischer Machthaber; ein größerer als Salomo ist hier - er ist der König aller Könige und der Herr aller Herren. Obwohl manchmal auf seine Sache mit Verachtung geschaut wird, so steht er doch weit über dir, und er hat sich herabgelassen, um dich zu erhöhen. Er muss vielleicht für die, die nach der allgemeinen Ansicht zu der niedrigsten Klasse gehören, noch tiefer hinabsteigen, aber wenn alle auf seine Stufe erhoben sind, gehören sie alle zu derselben gesellschaftlichen Klasse. Du brauchst dich wegen deiner gesellschaftlichen Stellung nicht beunruhigen. Unter den wahren Kindern Gottes gibt es nicht Brüder "niedrigen Ranges", und Brüder "höheren Ranges". Alle stehen auf ein und derselben Stufe. Die Tatsache ist in seinen eignen Worten ausgedruckt: "Ihr habt mich nicht erwählt; sondern ich habe euch erwählt" (Joh. 15, 16). Du bist der, dem Ehre zuteil wird und er ist der Gedemütigte.

 Zögere nicht länger. Stehe schnell auf und beantworte den Ruf mit den Worten: "Tritt ein, königlicher Freund!" Reiche ihm deine Hand zum Willkommen entgegen. Räume ihm den besten Platz in deinem Hause ein, rede mit ihm, setz dich zu seinen Füßen, erwähle und genieße das "gute Teil", das nicht von dir genommen werden soll (Luk. 10, 38-42). Mache dir nicht zuviel Sorgen und Mühe. Lass deine zeitlichen Pflichten eine Zeitlang ruhen. Werde recht stille vor diesem Freunde und lerne von ihm. Er will dich unterweisen und lehren. Alle deine Schwierigkeiten will er hinweg räumen und deine Probleme lösen. Er will dir den Frieden schenken. Liebevoll wird er sagen: "Nehmet auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen" (Matth. 11, 28-30).

 Ja, Ruhe, wonach du dich gesehnt hast - Ruhe, die du nötig hast. Oft ist der Wunsch in dir aufgestiegen, dass du von den mühsamen, beunruhigenden, nervenzerrüttenden Schwierigkeiten und Angelegenheiten des täglichen Lebens möchtest Linderung und Ruhe finden. Du hast dich nach der Zeit gesehnt, wo du dir keine ängstlichen Sorgen zu machen, dich nicht zu grämen und abzumühen brauchst, wo du die Stille, die Ruhe und den Frieden genießen kannst, wo keine Streitigkeiten mit deinen Nachbarn dich erregen, wo deine Missgunst nicht mehr dadurch erregt würde, dass sich andere besser kleiden als du, oder dadurch, dass deine Bekannten geehrt und du zurückgesetzt wirst, oder dass deine Nachbarn angesehen, und dein Name nicht erwähnt wird, oder deine Freunde in vornehme Kreise eingeladen und du ignoriert wirst. Schon oft hast du dich danach gesehnt, diese lästige Unruhe und diese Störungen los zu werden und jetzt sagt dein Freund so liebevoll, mitleidsvoll und eindrucksvoll zu dir: "Ich will dir Ruhe geben." "Das muss eine Ruhe sein, die ich bisher noch nicht erfahren habe" sagst du. "Ich würde alles geben, wenn ich nur diese Seelenruhe erlangen könnte, die nicht mehr durch des Lebens Prüfungen unterbrochen, noch mich in der Todesstunde verlassen würde. Wann und wie kann ich diese Ruhe, o Herr, erlangen?" Herzlich und liebevoll erwidert er: "Nimm mein Joch auf dich und lerne von mir."

Mein teurer Freund, für dich ist Ruhe - angenehme, süße Ruhe vorhanden. Du kannst eine wahre Herzenserfahrung erlangen, die all dein Sehnen stillen und deine Furcht beseitigen wird. Du brauchst nicht in Unruhe zu leben, noch dich vor dem Tode zu fürchten. Wenn du Christi Joch auf dich nimmst, wirst du Seelenruhe besitzen. O lade ihn ein! Lass ihn in dein Herz und Leben einkehren, und zwar gerade jetzt. Öffne weit die Herzenstüre und mache ihm Raum. Lasse ihn nicht länger draußen stehen, sondern diesen herrlichen Jesus, den König der Ehren, einziehen. Lass dich belehren, wie du Buße tun, die Sünde aufgeben und dich von ihr wenden kannst. Er wird die Unreinheit aus deinem sündigen Herzen entfernen. "Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?" (Jer. 17, 9).

 "Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gleich ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden" (Jes. 1, 18). Wenn du deine gottlosen Wege verlässt, und über deine bösen Gedanken und Handlungen Buße tust (Jes. 55, 17), so wird er deine Seele mit seinem Blute reinigen, dir alle Übertretungen vergeben, denn bei ihm ist viel Vergebung, und dein Herz mit himmlischem Frieden erfüllen.

 Dann wirst du wahrhaft glückselig und dein Leben wird köstlich und von wahrem Werte sein. Du wirst ein neues Leben haben und neugeboren sein (Joh. 3, 3; 1. Joh. 2, 9). "Das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden" (2. Kor. 5, 17). Keine Last der Schuld und Sünde, noch Verdammnis wird dein Herz bedrücken und beunruhigen (Röm. 8, 1), sondern du wirst frei und glücklich sein und leicht fühlen. Allerdings wirst du täglich dein Kreuz auf dich nehmen, um Jesu nachzufolgen, aber mit dem Frieden Gottes in deinem Herzen, der höher ist denn alle Vernunft, und mit der süßen Liebe Jesu, die durch deine Seele strömt, wird sein Joch sanft und seine Last leicht sein. Es wird dir dann ganz gleichgültig sein, ob deine Bekannten dich zu ihren Festen einladen oder nicht, denn du wirst den König der Herrlichkeit in deinem eigenen Hause beherbergen. Du wirst das Abendmahl mit ihm halten und er mit dir (Offb. 3, 20). Dies wird dein seliges Los sein, wenn du Jesus die Türe öffnest.

 Wenn Jesus in dein Herz einzieht, so werden deine sündigen Begierden, Verlangen, Neigungen und Gefühle dich verlassen müssen. Sie wollen deine Freundschaft und werden dich zu überreden versuchen, dass du dich ruhig verhalten, und seinen Ruf nicht beachten sollst. "Rühre dich nicht" sagen sie, "er kann denken, dass du nicht zu Hause bist. Verhärte dein Herz, so wird er bald fortgehen." O mein Freund, willst du Gott täuschen - Gott betrügen! Wisse, dass er weiß, dass du seinen Ruf gehört hast. Du kannst dich vor ihm nicht entschuldigen, noch kannst du ihn betrügen. Er weiß, dass du ihn beleidigt hast und doch wartet er immer noch; aber wenn du ihm keinen Platz in deinem Herzen einräumen willst, so ist er genötigt, dich deinem Schicksal zu überlassen, und welch ein Schicksal wird das sein!

 Eines Tages wirst du mit andern an seine Tür klopfen und rufen, doch die Türe wird geschlossen sein. Du wirst rufen wie jene törichten Jungfrauen: "Herr, Herr, tue uns auf!" Augenblicklich wirst du seine Antwort hören: "Wahrlich ich sage dir, ich kenne dich nicht" (Matth. 25, 12).

 Mein Freund, mache dich jetzt mit diesem Jesus bekannt. Lade ihn jetzt ein. Eines Tages wird es zu spät sein. Mache dich nun jetzt mit ihm bekannt. "Seht, jetzt ist die angenehme Zeit, jetzt ist der Tag des Heils!" (2. Kor. 6, 2). Verstocke nicht dein Herz. Jesus liebt dich. Er bittet dich um Einlass. Er wirbt um deine Seele. Siehe, wie er dich liebt! Sein großes Herz der Liebe sehnt sich nach dir. Wenn du ihn jetzt abweist, und dich jetzt nicht für den Himmel vorbereitest, so wird er dich deinem furchtbaren Schicksal überlassen und dich von sich weisen müssen für alle Ewigkeit. Horch, noch klopft er an! O Seele, lasse ihn jetzt ein!