Aus Liebe geflochten - Sonettkranz II
I
Bevor es dunkelt, schenk mir noch ein Schweigen.
Der Narren Schellen klingen grinsend-grell,
als stünde Torheit makelnackt Modell.
Im Feuer fegt die Furcht zum Todesreigen.
Inmitten saitenloser erster Geigen
erhaucht ein Klang sich glasesklar und hell
den Weg zum wach-entfachten Wunderquell
der Liebe, dem Verstummten sich zu zeigen.
Derweil im Lärmen Tarneskappen fallen,
verzweifelt sich im Sumpf der Gier zu suhlen,
verlangt ein Ewig-Donnerhauch nach Licht!
"Wie wollt ihr euch an Gruftesmauern krallen,
um Tropfen Gnade heuchelnd zu erbuhlen,
Zu laut verbirgt die Nacht ihr Angesicht!"
II
Zu laut verbirgt die Nacht ihr Angesicht
vor schuldgeplagten Flügelwesenszungen.
Erkenntnis, Glaube, Hoffnung sind verklungen.
Am Krug aus Erz zerbricht der arme Wicht,
der höhnisch winselt : "Mein ist das Gericht!",
dem Stückewerk und -Wissen jäh entsprungen.
Wie hat er seine Stärken oft besungen.
Die Sprache "Liebe" spricht er dennoch nicht.
Was nutzen ihm die Ruhm- und Machtbeweise?
Das dunkle Bild im Spiegel läßt erahnen:
Vergänglichkeiten haben kein Gewicht.
In Träumen hält der Tor sich stets für weise
und streckt am Ende trotzdem seine Fahnen.
Vergessen hält, was nur der Schlaf verspricht.
III
Vergessen hält, was nur der Schlaf verspricht.
Wie täuschen sich die Sinne doch zuweilen,
um bloß den Wirklichkeiten zu enteilen,
als wäre Selbstbetrug die reinste Pflicht.
Die Liebe übt sich leise im Verzicht
auf Haben, um Geschenktes mitzuteilen.
Geduldig darf Gelassenheit verweilen
am Heimatort der frohen Zuversicht.
Wo Güte sich mit Freundlichkeit verbündet,
geschieht Geheimnisvolles wortentbunden. -
In Achtung sich dem Nächsten zuzuneigen,
bedeutet Frieden, der von Würde kündet,
an deren Ufern Seelen sanft gesunden,
als dürfe dort Gedenken Reue zeigen.
IV
Als dürfe dort Gedenken Reue zeigen,
wo Empathie sich niederläßt im Garten
des Andern - ohne Danken zu erwarten -
und Herzen sich wie Bäume frei verzweigen.
Gehörst Du, Menschlein, manchmal zu den Feigen,
die mitzufühlen duckend sich ersparten,
Verletzbarkeiten blaß sich offenbarten,
die eignen Schwächen mutlos zu verschweigen?
Wie willst Du, Narr, in DIR die Liebe finden,
solange Du von Grenzen starr umgeben?
Du bist ja nicht bereit herabzusteigen
von Deinem Roß, den Stolz zu überwinden!
Du sagst: "Ich kann mein Fehlen nicht beheben."
Verlegen sucht Gemüt den Blick zu neigen...
V
Verlegen sucht Gemüt den Blick zu neigen,
als hätte scheu die Einsicht Scham empfunden.
Von deren Folgen sind wir nicht entbunden.
Die Liebe sucht´s in Klarheit aufzuzeigen.
Was bindet Dich, die Sünden zu verschweigen?
Was hindert Dich, im Geiste zu gesunden?
Wer heilt von Deinem Wort geschlag´ne Wunden?
Und wárum machst Du Dir das Recht zueigen,
Dich aufzublähn, dem hohen Mut erlegen,
verbissen noch auf Leid herabzuschauen?
Du spuckst dem Nächsten spottend ins Gesicht,
als haßtest Du Dich selber, Angst zu hegen,
und kannst Dir keinen Augenblick vertrauen,
als stünden Schuldgefühle vor Gericht.
VI
Als stünden Schuldgefühle vor Gericht,
versteckst Du Dich vor Dem, der Dich erkannte,
vor Dem, der Dich bei Deinem Namen nannte
und weißt nur zu genau: Es lohnt sich nicht,
mit feigem Blatt und Pokerspielgesicht
der Flucht zu frönen, wo die Scham Dich bannte,
vor Dem, der Seinen eignen Sohn Dir sandte
aus Liebe, die zu Deinem Herzen spricht.
Behutsam klopft Er jetzt an Deine Türe.
Vernimmst Du Seine Stimme, liegt´s an Dir,
Ihm Einlaß zu gewähren als ein Licht,
damit es Dich aus Dunkelheiten führe.
Du mußt nicht länger flüchten vor dem Hier
aus Furcht vor heimgezahltem Wortverzicht.
VII
Aus Furcht vor heimgezahltem Wortverzicht
begabst Du Dich als Kind in Einsamkeiten.
Wer sollte Dich auch aus Bedrängnis leiten
ins Anvertrauen, das von Halten spricht?
Geborgenheiten kanntest Du ja nicht. -
Den Andern, sich erbarmend zu begleiten,
bedeutet mutig Tiefen zu beschreiten,
in denen Leere an der Last zerbricht,
dem Ruf der Reue kein Gehör zu schenken. -
Die Liebe will ertragen Dein Versagen.
Sie duldet, ohne zürnend sich zu zeigen.
Doch Du, Du läßt Dich in die Irre lenken,
erhoffst Dir so die Sünden zu verjagen,
Gewissensfluten flüchtend zu entsteigen
VIII
Gewissensfluten flüchtend zu entsteigen,
in diesem Leben mag es Dir gelingen,
nach außen hin. - Im Innern kann Dein Ringen
sich nicht verbergen, noch die Schuld verschweigen.
Wer soll Dir Gnade nach dem Tod erzeigen?
Es wird Dich zur Entscheidung keiner zwingen.
Die Liebe wollte sich am Kreuz Dir bringen.
Und Du? Du tanzt derweil den Hybris-Reigen.
"Du kannst mir, Gott im Himmel, nichts befehlen!"
erhebst Du Dich, in Ignoranz gefangen,
um dann in jämmerlicher Angst zu klagen,
wenn neben Dir die Schicksalsbrände schwelen. -
Wie machtlos bist Du, Mensch, in Deinem Bangen!
Und doch erlaubt Dein Stillesein zu wagen...
IX
Und doch erlaubt Dein Stillesein zu wagen,
den Schrei nach Hilfe bettelnd auszusenden.
Wo neben Dir die Stürme Blätter wenden,
dort wirst Du unversehrt ins Licht getragen.
Anstatt - gerettet - Dich zu hinterfragen,
beginnst Du kurz darauf erneut zu blenden.
Die Liebe wollte sich an Dir verschwenden,
doch Du, Du hast ihr ins Gesicht geschlagen.
Gerechtigkeit verlangst Du für das Deine,
um ungerecht den Heiland zu verhöhnen,
als könntest Du den Regen, Wurm! verjagen.
Du führst Dich selber an der kurzen Leine.
Er wollte sich am Kreuz mit Dir versöhnen,
die Wunden unbeschwert nachhaus zu tragen.
X
Die Wunden unbeschwert nachhaus zu tragen,
das wünscht sich jedes Kind aus tiefstem Herzen,
als lindert´ schon der Wunsch verdrängte Schmerzen,
um wieder Lebensfreude, Mut zu wagen.
Was würde wohl das Kind Dich heute fragen?
Und wer entzündet ihm die Wunderkerzen?
Wie konntest Du´s mit ihm so lang verscherzen!
Verweigerst ihm das Recht, Dich anzuklagen.
Gefügig suchst Du Beifall für die Taten,
die geizig sich der Eitelkeit verschrieben.
Wie spendet sich´s als edler Ehrengast,
der selber aus der Lebensbahn geraten?
Und doch verblassen Wunden, die verblieben,
als heilten sie an Liebe ohne Last.
XI
Als heilten sie an Liebe ohne Last,
beginnen unvernarbte Seelenrisse
zu mahnen durch erstummte Kümmernisse.
Du fragst Dich nach dem Sinn und dem "Verpaßt".
Ein Lifeberater zerrte den Morast
des Egos tiefer noch ins Ungewisse,
benutzte Dich und eigne Hindernisse,
um loszuwerden, was ihm selbst verhaßt.
Fragmente, all die Unvollkommenheiten
begreifst Du nicht als Möglichkeit beim Gehen,
Ergänzendes ins freie Tun zu tragen.
Du bleibst bedürftig. Willst Du das bestreiten?
Was hindert Dich, bei nagendem Versehen
aus Irgendwann. - "Es tut mir leid" zu sagen?
XII
Um irgendwann "Es tut mir leid" zu sagen,
verlaß Dich nicht aufs eigene Erkennen.
Es wird Dir nur die Sichtbarschwächen nennen.
Verdrängtes läßt sich leider nicht verjagen.
Du suchst Vergebung, Änderung zu wagen,
wo alte Rechnungen noch offen brennen?
Was hält Dich ab, von Bürden Dich zu trennen,
die reueringend am Gewissen nagen?
"Die Liebe", sagst Du, "läßt sich nicht erzwingen."
Wie Recht Du hast, sie schenkt sich frei zum "Ja",
bedingungslos den andern mitzutragen.
Sie mag Dir weder Dank noch Lohn erbringen,
und doch genügt sie sich, ist einfach da,
gewährt Gemeinschaft ohne anzuklagen.
XIII
"Gewährt Gemeinschaft ohne anzuklagen!"
Die Einsicht ruft´s, um Frieden zu erlangen,
als müßte sie um ihre Kinder bangen,
die hilflos Konsequenzen mitertragen.
´Wer soll den ersten Schritt "Versöhnung" wagen?"
so fragst Du Dich, in Zweifel-Haft gefangen.
Die Tränen weinen sich von Deinen Wangen
auf Deine Hände, die nach Nähe fragen.
Verzeihen läßt die eignen Schwächen spüren.
Ist das der Grund, die Hand zurückzuhalten?
Du siehst am "Du", was Dir an Dir verhaßt.
Es fällt Dir schwer, die Wunden zu berühren,
die mit der Zeit zu Narben sich entfalten,
vertrauend, daß das wehe Mal verblaßt.
XIV
"Vertraue, daß das wehe Mal verblaßt!",
so spricht die Liebe - Größte aller Gaben,
noch über Glaube, Hoffnung weit erhaben,
die den, der ihre Nähe sucht, erfaßt.
Auch Du vernimmst inmitten blinder Hast
ihr leises Klopfen. - Laß Dich nicht begraben
von Kälte, ohne Dich zuvor zu laben
am Quell der Liebe, frei von Eiseslast.
Geduldig liest Du diese Zeilen weiter
und hoffst vielleicht, ein Neues zu erfahren.
Ich kann Dir keine Wunderworte zeigen.
Du wählst Dir selbst den Lebenswegbegleiter. -
Ich will das Hohe Lied für Dich bewahren:
Bevor es dunkelt, schenk mir noch ein Schweigen...
Meistersonett
Bevor es dunkelt, schenk mir noch ein Schweigen.
Zu laut verbirgt die Nacht ihr Angesicht.
Vergessen hält, was nur der Schlaf verspricht,
als dürfe dort Gedenken Reue zeigen.
Verlegen sucht Gemüt den Blick zu neigen,
als stünden Schuldgefühle vor Gericht,
aus Furcht vor heimgezahltem Wortverzicht,
Gewissensfluten flüchtend zu entsteigen.
Und doch erlaubt Dein Stillesein zu wagen,
die Wunden unbeschwert nachhaus zu tragen,
als heilten sie an Liebe ohne Last
aus Irgendwann. - ´Es tut mir leid´ zu sagen,
gewährt Gemeinschaft ohne anzuklagen,
vertrauend, daß das wehe Mal verblaßt.
© V F
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