Kurzbeschreibung/Zusammenfassung
AutorJens Kaldewey
Quelle
Datum
Typ: Predigt ausformuliert
Zielgruppe: Christen allg.
Themen: Bibel, Scheidung
Bibelstellen:
Die Frage, ob das Wort Gottes unter bestimmten Voraussetzungen Ehescheidung bzw. Wiederverheiratung gestattet, ist eine wirklich umstrittene Frage. Und des Bücherschreibens darüber ist kein Ende….Dennoch bleibt es uns nicht erspart, als Verantwortungsträger, Leiter und Seelsorger, uns mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Dieser Aufsatz versteht sich als ein Diskussionsbeitrag. Ich habe ihn vor vielen Jahren geschrieben und nun etwas überarbeitet.
Vorsicht!
Die Art und Weise der Beantwortung obiger Frage kann den Verlauf eines menschlichen Lebens tief beeinflussen. Wir greifen sehr stark in ein menschliches Leben ein!
Wenn z.B. eine junge, geschiedene Frau in die Seelsorge kommt und aufrichtig den Willen Gottes bezüglich einer eventuellen zweiten Heirat erfahren möchte, ist eine schwere Verantwortung auf den Seelsorger gelegt. An seiner Antwort kann sich die gesamte Zukunft der Ratsuchenden entscheiden. Es ist deshalb von ausserordentlicher Wichtigkeit, in Vorsicht und Sorgfalt vorzugehen.
Seelsorgerliche Weisungen, die in das Leben anderer Menschen eingreifen und weit reichende Folgen haben können, müssen deutlich und zweifelsfrei durch die Bibel begründet werden. Andernfalls darf höchstens ein unverbindlicher Rat erteilt und der Ratsuchende soll bewusst in die Freiheit eigener Meinungsbildung entlassen werden.
Mit Unsicherheiten leben
Nun finden wir aber bezüglich unseres Themas unter bibelgläubigen, in der Gemeinde Jesu bewährten Theologen und Bibelauslegern sowohl Unsicherheiten als auch Widersprüche in der Auslegung der Bibelstellen, die Aussagen dazu machen. Einige haben den Mut, gewisse Fragen offen zu lassen oder nur mit Vorsicht zu beantworten, weil sie den Eindruck gewonnen haben, das biblische Material ist stellenweise nicht eindeutig genug. Manche entscheiden sich fest für eine bestimmte Antwort auch der schwierigen Fragen, geraten dann aber in Widerspruch zu anderen, ebenfalls aufrichtigen und bibeltreuen Auslegern.
Man könnte nun aus dieser Situation den Schluss ziehen, zwei von den drei genannten Gruppen müssen unrecht haben, "weil doch die Bibel als das inspirierte Wort Gottes uns auf jede Frage eine klare Antwort gibt." Ebenso ist aber die Folgerung möglich, dass die Bibel manche Fragen eben nicht so klar und glatt und rund beantwortet, wie wir es uns wünschten und deshalb Unsicherheiten und Widersprüche in der Auslegung auftauchen.
Diese Ansicht scheint mir angemessener. Die Bibel ist kein technisches Handbuch, welches wir gleichsam in den Griff bekommen könnten, sie ist vielmehr das weit über dem Menschen stehende Wort des lebendigen Gottes, von dem es heisst: "... Seine Grösse ist unausforschlich. O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschlich sind seine Gerichte und unausspürbar seine Wege!" (Ps 145,8 Rö 11,33)
Das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden
Wir sollten dankbar anerkennen, dass die Bibel alle wesentlichen Fragen des Menschen, alles was er wissen muss, um "besonnen und gerecht und gottesfürchtig in dem jetzigen Zeitlauf zu leben" (Tit 2,12), in wünschenswerter Deutlichkeit behandelt. Wir sollten aber auch bescheiden zur Kenntnis nehmen, nicht alle Probleme sicher und unmissverständlich anhand der Schrift klären zu können, vor allem, wenn es um allgemeine, über die Einzelsituation hinausreichende Fragestellungen geht. In jedem Fall gilt jedoch Ps 32,8: "Ich will dich unterweisen und dir zeigen den Weg, den du wandeln sollst, ich will dir raten, meine Augen über dir offenhalten." Gott wird uns, wenn wir aufrichtig sind und seinen Willen tun wollen, in der konkreten Situation durch seinen Geist Wegweisung schenken
Für die Beschäftigung mit unserem Thema haben die bisherigen Überlegungen folgende Konsequenzen: In der Erforschung der biblischen Aussagen über Ehescheidung und Wiederverheiratung ist zu unterscheiden zwischen dem, was ausdrücklich und nachweislich geboten und verboten wird und zwischen dem, was offengelassen, nicht ausdrücklich gesagt oder nur ungenau angedeutet wird. In diesem Fall darf nämlich eine folgenreiche Anordnung für ein bestimmtes Verhalten nicht abgeleitet werden.
Unverheiratet sein wiegt schwer
Die Richtigkeit dieses Vorgehens wird gerade im Blick auf die Wiederverheiratung durch einen Aspekt der biblischen Eheauffassung selbst gestützt. Die Ehe wird nämlich als etwas Normales, Selbstverständliches oder sogar Notwendiges betrachtet, während das Unverheiratetsein als Ausnahme und aus manchen Gründen als recht problematisch gilt. Wer also einem Geschiedenen mit Autorität und Nachdruck von der Wiederverheiratung abrät, legt unter Umständen eine schwere Last auf seine Schultern, an der er zerbrechen kann. Aus diesem Grund ist in einem solchen Fall, wie oben schon ausgeführt, eine sichere biblische Beweisführung unerlässlich. "Seine Gebote sind nicht schwer." "Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht." Wenn der Seelsorger, die Gemeinde und der Geschiedene sich auf dem sicheren Felsengrund bewegen, es wirklich und gewiss als sein Joch und sein Gebot erkannt zu haben, dass eine neue Heirat nicht erfolgen darf, darf man gemeinsam das barmherzige Mittragen des Herrn an dieser Last erwarten. Gleichzeitig erhält die Gemeinde für den Fall des Ungehorsams die Autorität, mit Ermahnung und erzieherischen Massnahmen am Geschiedenen zu handeln, weil er sich trotz des klaren Gebots wiederverheiraten will.
Es soll nun die Problematik des Unverheiratetseins anhand einiger Schriftworte verdeutlicht werden, um die vorangegangenen Gedanken zu unterstreichen.
Bereits am Anfang der Menschheitsgeschichte, noch vor der Erschaffung Evas, sagt Gott: "Es ist nicht gut, für den Menschen, dass er allein ist, ich will ihm eine Hilfe schaffen, die zu ihm passt. (1.Mo 2,18) Dieses Wort bedeutet nichts weniger als das schöpfungsmässige Angelegtsein des Menschen auf den gegengeschlechtlichen Partner. So schuf Gott den Menschen "als Mann und als Frau" (1.Mo 1,27). Mann und Frau brauchen einander, sind ohne einander nicht vollständig, weil sie so g e s c h a f f e n sind. Das Verheiratetsein eines Menschen ist von Gott also ausdrücklich geplant und vorgesehen. Er selbst hat die Ehe gestiftet als für den Menschen reguläre und normale Einrichtung.
In 1.Kor 7,1-9 sieht Paulus das Verheiratetsein als Schutz gegen die Sünde der Unzucht, d.h. der geschlechtlichen Betätigung ausserhalb des Rahmens der Ehe. Der Menschenkenner und erfahrene Seelsorger Paulus kennt die Gefahren des ledigen Standes. Er weiss von der Möglichkeit (Vers 9), dass Christen sich nicht enthalten und vor "Lust brennen" können.
Timotheus erhält von Paulus eine in unserem Zusammenhang bemerkenswerte Anordnung: 1.Tim 5,11-15. Paulus erlaubt nicht nur wie in 1.Kor 7,39-40 die Verheiratung von Witwen (hier "jüngere Witwen"), er gebietet es sogar. Offensichtlich hat er mit alleinstehenden Witwen, die zunächst geglaubt hatten, ehelos leben zu können, schlechte Erfahrungen gemacht (Vv. 13.15)
Wir halten fest: Der Mensch ist für die Ehe geschaffen und nicht für die Ehelosigkeit, deshalb können aus dem ledigen Stand ernsthafte Probleme erwachsen.
Natürlich soll nicht behauptet werden, ein Mensch könnte nicht ohne Ehepartner auskommen. Die Bibel kennt eine Ehelosigkeit als Gabe Gottes, die man aus Liebe zu Jesus in Freiheit auf sich nimmt, weil man dazu berufen ist und auch die Kraft erhält, sie durchzuhalten. (Mt 19,12 1.Kor 7,7+37). Eine solcheEhelosigkeit ist ein Geschenk der freien Gnade Gottes, das nicht jeder empfängt. Es ist ein Ausnahmefall, während die Ehe den Normalfall darstellt.
Es wird auch nicht gesagt, dass unfreiwillige Ehelosigkeit eine untragbare Last ist, sodass eine schlechte Ehe immer noch besser als keine Ehe ist. Sie ist nicht untragbar, aber sie ist oft schwer tragbar.
Zwei Leitlinien
Es sind nun für die Arbeit an den biblischen Texten zwei Leitlinien erarbeitet worden:
- Es muss unterschieden werden zwischen klaren Aussagen und weniger klaren Aussagen, die verschieden gedeutet werden können.
- Ein Verbot der Wiederverheiratung Geschiedener muss zweifelsfrei nachgewiesen werden.
2. Biblische Untersuchung
In der nun folgenden Untersuchung der biblischen Aussagen wird keine erschöpfende Auslegung geboten, es soll aber versucht werden, die Grundgedanken zu beschreiben.
2.1. Die Aussagen von Matth 5,31—32 19,3-9 Mk 10,2-12
"Und die Pharisäer kamen zu ihm, versuchten ihn und sprachen:
Ist es einem Mann erlaubt, aus jeder Ursache seine Frau zu entlassen? Er aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen, dass der, welcher sie schuf, sie von Anfang an als Mann und Weib schuf und sprach: 'Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und es werden die zwei e i n Fleisch sein', so dass sie nicht mehr zwei sind, sondern ein Fleisch? Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Sie sagen zu ihm: Warum hat denn Mose geboten, einen Scheidebrief zu geben und zu entlassen? Er spricht zu ihnen: Mose hat wegen eurer Herzenshärtigkeit euch gestattet, eure Frauen zu entlassen; von Anfang an aber ist es nicht so gewesen.
Ich sage euch aber, dass, wer immer seine Frau entlassen wird, ausser wegen Hurerei, und eine andere heiraten wird, Ehebruch begeht; und wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch." (Mt 19,3-9)
Die Situation
In welche Situation hat Jesus hier hineingeredet?
Die Pharisäer hatten das Gesetz des Mose (5.Mo 24,1-4) durch zusätzliche Auslegungen und Erklärungen verdreht, um ungehindert ihren Lüsten leben zu können. Eine einflussreiche Partei der jüdischen Schriftgelehrten legte 5.Mo 24,1-4 so frei aus, dass es einem Mann möglich war, sich aus irgendeinem banalen Grund von seiner Frau zu scheiden. Warum trennt sich aber ein Mann aus nichtigen Gründen von seiner Frau? Weil er eine andere begehrt, welche er auf diese raffinierte Weise, nämlich durch Scheidung und Wiederverheiratung bekommen kann, ohne des Ehebruchs angeklagt zu werden. Es ist belegt, dass es unter den Juden die Eintagesehe gab. Man wurde geschieden, heiratete eine andere und liess sich von dieser nach einem Tag wieder scheiden. So wurde das Verbot der Unzucht – Umgang mit Prostituierten umgangen! Äusserlich war ja alles legal….
Jesus wendet sich nun radikal gegen diese Praxis, welche "um der Überlieferung willen das Gebot Gottes ungültig macht" (Mt 15,6). Er sagt unmissverständlich:
• Jegliche Ehescheidung, die nicht aus Gründen der Hurerei vollzogen wird, gilt vor Gott nicht. Auch wenn Menschen eine solche Ehe scheiden, ist sie vor Gott immer noch gültig.
• Deshalb ist eine Wiederverheiratung Ehebruch, denn die alte Ehe existiert weiter und wird durch die neue Verbindung gebrochen.
• Wer jemanden heiratet, der nicht wegen Hurerei geschieden ist, begeht Ehebruch, weil sein
Partner vor Gott noch verheiratet ist.
Wer sich von seinem Ehegatten scheidet, ausser aus Gründen der Hurerei, ist dafür verantwortlich, wenn dieser durch eine Wiederverheiratung, die in vielen Fällen, allein schon aus sozialen Gründen, erfolgt, die Schuld des Ehebruchs auf sich lädt. Denn vor Gott steht er immer noch in der alten Ehe.
Anmerkung: Aus Mk 10,12 ist die Gleichstellung von Mann und Frau bezüglich Ehefragen ersichtlich. Wenn der Mann meistens als handelnder und massgeblicher Teil in der Ehescheidung erscheint, liegt das an der jüdischen Kultur, in die Jesus hineinspricht: Dort hatte der Mann wesentlich mehr Rechte als die Frau. So wird im Rahmen dieses Aufsatzes immer nur allgemein von "Ehegatten" u.ä. gesprochen.
Die Begründung
Wie begründet Jesus nun diese weit reichende und für die damalige Zeit revolutionäre Feststellung? (vgl. Reaktion der Jünger Mt 19,10)
Er greift auf den Anfang der Schöpfung zurück (Mt 19,4-6) und erklärt das Wesen der Ehe: Ein Mensch verlässt sein altes Leben und beginnt mit seinem Partner ein gemeinsames neues Leben, indem er ihm "anhängt", sich an ihn bindet mit Geist, Seele und Leib. Mit dem Vollzug des Geschlechtsverkehrs ist dieses Anhangen vollendet und ein n e u e s W e s e n ist entstanden, die beiden sind von Gott zusammengefügt worden zu e i n e m Fleisch, zu einem untrennbaren neuen Geschöpf, welches ohne Schaden nicht mehr auseinander gerissen werden kann (V.6) . Scheidung mit dem darauf folgenden Eingehen einer neuen Ehe bedeutet, etwas, das Gott zu einer Einheit zusammengeschweisst hat, mit Gewalt zu trennen. Damit pfuscht man Gott frevlerisch ins Handwerk und fügt gleichzeitig dem Menschen tiefen inneren Schaden zu. In aller Klarheit wird hier die Heiligkeit und Unantastbarkeit der Ehe verkündet. Wehe, wenn der Mensch sich daran vergreift!
„Hurerei“ als Scheidungsbegründung
Und doch lässt Jesus eine Ausnahme gelten: Die Hurerei. Das griechische Wort (porneia) bezeichnet alle möglichen Arten sexueller Unordnung, ist hier aber sicherlich auf den geschlechtlichen Umgang mit einem anderen Partner oder mehreren Partnern gemünzt.
Es ist jedoch ernsthaft zu bezweifeln, hier unter "Hurerei" den einmaligen Akt des Ehebruchs zu verstehen.
Exkurs: Der Porneia (Hurerei)-Begriff im Alten Testament
Mit der folgenden Untersuchung stelle ich die Frage, ob der Begriff „Porneia“ = Hurerei, Unzucht, nicht viel mehr wesensmässig als technisch verstanden werden muss. Ob dieser entscheidende Begriff nicht tiefer ausgelotet werden muss.
Hauck/Schultz schreiben im „Theologischen Wörterbuch zum neuen Testament“: „πορνεια (Porneia ) ist Gegenwort (also das in der griechischen Übersetzung des alten Testaments verwendete Wort) zu מינונז
(senunim), das nur Hos 4,11 im eigentlichen, sonst im übertragenen Sinn Untreue gegen Gott vorkommt.“
Ich habe diesen Befund beim Nachschlagen dieses Wortes in der hebräischen Konkordanz bestätigt gefunden. In der überwiegenden Mehrzahl der Stellen bezieht sich Porneia auf die Untreue Gott gegenüber.
Doch wie sieht diese Untreue aus? Geht es um Sexualität im eigentlichen Sinne? Geht es nicht dabei vielmehr darum, innerlich/äusserlich von Gott wegzugehen, die Beziehung zu ihm zu vernachlässigen und sich an andere Mächte zu hängen, andere Mächte, Gegenstände zu verehren mehr als Gott? So auch in der Ehe: Besteht das Wesen der Porneia nur in der sexuellen Ausschweigung als einer ihrer Spielart oder vielmehr darin, sich vom Partner abzuwenden, die Loyalität zu ihm zu verlassen und sich an andere Mächte, Personen, Gegenstände zu binden? Könnte es sein, dass eine Frau ihren Mann mit ihren Kindern betrügt? Könnte es sein, dass ein Mann seine Frau mit seinem Beruf/Hobby/Freunden/Alkohol usw. betrügt?
Könnte es sein, dass Porneia bedeutet: Ich zerbreche durch mein Verhalten die Ehebeziehung, sodass die äussere Form der Ehe gar nicht mehr dienlich ist, weil das Innere durch meine Schuld verfault?
Exkursende.
Der Fall der Ehebrecherin in Joh 8,2-11, die auf frischer Tat ergriffen worden war, doch von Jesus nicht verurteilt wurde, zeigt, dass Ehebruch nicht zwingend bestraft werden muss. Bibeltexte wie Mt 18,21-35 6,14-15 Eph 4,32 1.Kor 13,5-7 zielen nicht auf beschränkte, sondern auf unbeschränkte Vergebung, Ehebruch eingeschlossen. Vgl. 1.Kor 6,9-11. Ein Ehebruch, der vom Ehepartner bekannt, bereut und gelassen wird, soll vergeben werden und stellt keinen zwingenden Grund zur Scheidung dar, denn sonst ist die Vergebung nicht echt (Überhaupt gebietet Jesus ja nicht die Scheidung im Falle der Hurerei, sondern er erlaubt sie nur). Mit "Hurerei" ist also in unserem Text wohl sicher der fortgesetzte Umgang mit einem anderen Partner gemeint, ohne Reue und ohne den Willen, damit aufzuhören. Gemäss obigen Exkurses ist
aber eventuell mehr damit gemeint: Das, was die Ehebeziehung zerstört, die Liebe tötet, die Beziehung vergiftet über längere Zeit hinweg, bis zum Tod der Beziehung!
Solche Hurerei, sagt Jesus, kann einen Scheidungsgrund bilden. Warum?
1.Kor 6,16 schenkt uns Aufschluss: "Oder wisst ihr nicht, dass, wer der Hure anhängt, e i n Leib mit ihr ist? 'Denn es werden', heisst es, 'die zwei e i n Fleisch sein'."
Der Geschlechtsverkehr mit einem anderen Partner lässt eine Art neuer Ehe entstehen, ein neues Einswerden mit jemand anders. Diese Sicht wird bekräftigt durch die interessante Anordnung von 2.Mo 22,16: Wenn ein Mann eine Jungfrau verführte, musste er sie heiraten.- weil er ein Fleisch mit ihr geworden war und letztlich die Ehe bereits vollzogen hatte. Wenn aber schon der einmalige Verkehr mit einer Hure und das einmalige Verführen einer Jungfrau ein solches Gewicht haben, wieviel mehr der fortgesetzte geschlechtliche Umgang mit einem anderen oder gar mehreren anderen Partnern ohne Reue und ohne dass ein Ende abzusehen ist! Dadurch wird der Gatte bewusst verlassen. Man trennt sich von ihm und hängt einem anderen an. Wenn auch nicht de jure wird doch de facto eine neue Ehe geschlossen. Damit wird die alte Ehe annulliert, zerstört, ungültig gemacht.
Dieser Zusammenhang muss unbedingt verstanden werden. Hurerei richtet sich gegen das Wesen der Ehe selbst, Hurerei zielt und trifft in das Herz der Ehe und tötet sie damit. Die Ehe ist aufgelöst, sie existiert nicht mehr. Vor Menschen mag sie äusserlich noch bestehen, innerlich hat sie ein Ende gefunden.
Es ist deshalb unrichtig, zu behaupten: Die Ehe ist unauflöslich. Gott wird zwar niemals eine Ehe scheiden. Gott hat jede Ehe als bleibende, lebenslange Dauerverbindung geschaffen. Und doch kann das Werk Gottes durch einen schweren, sündhaften Gewaltakt des Menschen zerstört werden. In diesem Fall ist die Scheidung n u r n o c h d a s B e g r ä b n i s d e r b e r e i t s g e s t o r b e n e n E h e. Hier löst also die Scheidung die Ehe nicht auf, sondern die Auflösung der Ehe führt zur Scheidung als logische Folge.
Bei den Pharisäern war es genau umgekehrt. Bei ihnen war der äussere Akt der Scheidung der B e g i n n und nicht das Ende der Auflösung der Ehe, weil sie den Weg zum Ehebruch (durch
Wiederverheiratung) ebnete.
Unter dem gleichen Bild einer juristischen Scheidung können sich also ganz verschiedene Tatbestände verbergen.
Die Frage der Wiederverheiratung
Nun wollen wir an unseren Bibelabschnitt die Frage stellen:
Ist die Wiederverheiratung eines wegen Ehebruch des Ehegatten Geschiedenen erlaubt? Oder muss jemand, der so geschieden wurde, unverheiratet bleiben?
In der Einführung wurde die Leitlinie erarbeitet, ein Verbot der Wiederverheiratung müsste eindeutig nachgewiesen werden. Ist das hier möglich?
Lediglich die Formulierung: "Wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch" (Mt 19,9b) könnte dafür sprechen. Für sich allein genommen, scheint dieser Satz zu sagen: Gleichgültig, warum und wieso jemand entlassen wird, er ist und bleibt vor Gott verheiratet, und wenn jemand einen solchen Menschen ehelicht, begeht er Ehebruch. Es muss aber schlüssig begründet werden, dass das Wort "Entlassene" hier wirklich so umfassend gemeint ist. Dieser Beweis kann m.V. nicht angetreten werden. Vielmehr sollte dieser Satz in seinem engen Zusammenhang mit der vorhergehenden Aussage belassen werden: "Ich sage euch aber, dass, wer immer seine Frau entlassen wird, ausser wegen Hurerei und eine andere heiraten wird, Ehebruch begeht...".
Hier redet Jesus doch gerade von bestimmten Fällen: Scheidungen, die n i c h t aufgrund von Hurerei, sondern aus irgendwelchen nichtigen Gründen vollzogen sind. Deshalb zielt das Wort "Entlassene" sehr wahrscheinlich auf Frauen aus eben solchen Scheidungen. Sie sind natürlich, wie wir bereits feststellten, vor Gott noch verheiratet.
Wir können demnach übersetzen: "...und wer eine auf d i e s e W e i-s e Entlassene heiratet, begeht Ehebruch."
Das Verbot der Wiederverheiratung ist aber nicht nur nicht beweisbar; es scheinen sich sogar drei Überlegungen dagegen zu wenden.
• Die Art und Weise der Formulierung
Wenn Jesus sagt: "Wer immer seine Frau entlassen wird, ausser wegen Hurerei, und eine andere heiratet, begeht Ehebruch", dann meint er doch gleichzeitig: "Wer seine Frau wegen Hurerei entlässt und eine andere heiratet, begeht keinen Ehebruch." Er erwähnt das aber nicht ausdrücklich, weil das überhaupt nicht zur Debatte stand.
• Die ehezerstörende Wirkung der Hurerei
Fortgesetzte Hurerei ohne Busse und Umkehr führt, wie bereits dargelegt, eine Ehe in den Tod. Eine gestorbene Ehe ist jedoch keine Ehe mehr, und kann deshalb nicht mehr gebrochen w e r d e n . Deshalb ist ein wegen Hurerei geschiedener Partner dem Unverheirateten gleichgestellt und ist zur Wiederverheiratung frei.
• Das Verständnis der damaligen Hörer
Für die Juden war es selbstverständlich, dass ein Geschiedener wieder heiraten kann. Die Vorstellung, nach einer Scheidung ledig bleiben zu müssen, war ihnen vollkommen fremd. Deshalb fragt sich, warum Jesus das Verbot einer neuen Heirat nicht deutlicher ausgesprochen hat, wenn er es doch so gemeint hat. Es sei hier noch einmal zum Ausdruck gebracht: Jesus hat in erster Linie die sündhafte Scheidungspraxis vor Augen, welche die juristische Scheidung als Mittel und Weg zum Ehebruch missbraucht. Er konstatiert unmissverständlich:
Die Wiederverheiratung ohne die Auflösung der alten Ehe durch Hurerei ist Sünde, weil sie die noch bestehende Ehe bricht. Über Wiederverheiratung in anderen Fällen wird nichts gesagt.
Selbst wenn einige dieser Gedankengänge dem Leser nicht einleuchten, dürfte doch eines überzeugend nachgewiesen sein: Diese Bibelabschnitte b e w e i s e n nicht ein allgemeines Verbot der Wiederverheiratung von Geschiedenen.
2.2. Die Aussagen von 1.Kor 7,10-15
"Den Verheirateten aber gebiete nicht ich, sondern der Herr, dass eine Frau sich nicht vom Mann scheiden lassen soll - wenn sie aber doch geschieden ist, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich mit dem Mann - und dass ein Mann seine Frau nicht entlasse.
Den übrigen sage ich, nicht der Herr: Wenn ein Bruder eine ungläubige Frau hat und sie willigt ein, bei ihm zu wohnen, so entlasse er sie nicht. Und eine Frau, die einen ungläubigen Mann hat, und er willigt ein, bei ihr zu wohnen, entlasse den Mann nicht. Denn der ungläubige Mann ist durch die Frau geheiligt und die ungläubige Frau ist durch den Bruder geheiligt; sonst wären ja eure Kinder unrein, nun aber sind sie heilig. Wenn aber der Ungläubige sich scheidet, so scheide er sich. Der Bruder oder die Schwester ist in solchen Fällen nicht gebunden; zum Frieden hat uns Gott doch berufen."
Paulus unterscheidet in diesen Anweisungen zwei Gruppen von Ehepaaren. Zuerst spricht er von den Ehen, in denen beide Ehegatten Christen sind, anschliessend behandelt er die Situation der Ehen, in denen nur ein Teil gläubig ist.
"Den Verheirateten aber gebiete nicht ich, sondern der Herr, dass eine Frau sich nicht vom Mann scheiden lassen soll." (Vers 10)
Das griechische Wort, welches hier mit "gebieten" übersetzt wird (parangello), ist ein starkes Wort, welches auch mit befehlen, anordnen, einschärfen übersetzt werden kann. Es wird noch einmal bekräftigt durch die ausdrückliche Berufung auf den H e r r n.
Warum spricht Paulus hier so gewichtig? Nicht weil er eine besondere Offenbarung empfangen hat, zu dieser Annahme besteht kein triftiger Grund, sondern weil er die Aussprüche von Jesus über die Ehescheidung kennt (Mt 5,31-32 19,3-9 Mk 10,2-12). Er wiederholt lediglich das, was Jesus bereits gesagt hat. Weil beide Ehepartner Christen sind, ist für beide das Wort des Christus vollgültig. Es ist das verbindliche Gesetz des Reiches Gottes, dessen Bürger sie durch die Wiedergeburt geworden sind.
Es scheint hier ein generelles Scheidungsverbot für Christen verkündigt zu werden. Es fragt sich, warum nicht wie in Mt 19,9 die Hurerei als Ausnahmegrund erwähnt wird. Es gibt dafür verschiedene Erklärungen:
• Der Gedanke, dass ein christliches Ehepaar sich aus Gründen der Hurerei scheiden lassen könnte, liegt so fern, dass er gar nicht ausgesprochen wird.
• Gerade im vorangehenden Kapitel hat Paulus auf die tief greifende, schädigende Wirkung der Hurerei hingewiesen. Fortgesetzte Hurerei ohne Busse schliesst vom Heil aus (6,8), Geschlechtsverkehr mit einer Hure heisst, ein Leib mit ihr zu werden (1.Kor 6,16 s.o.)
• Es ist ihm und seinen Lesern selbstverständlich, dass Hurerei eine Ehe zerstört. Das muss deshalb nicht mehr besonders gesagt werden.
• Die Frage der Korinther an Paulus (Er beantwortet in 1.Kor 7 schriftliche Fragen der Gemeinde, vgl. V.1) lautete wahrscheinlich ähnlich wie die Frage der Pharisäer in Mt 19,3: "Dürfen Christen sich aus irgendwelchen Gründen scheiden lassen?" Oder: "Dürfen Frauen unserer Gemeinde sich so ohne Weiteres von ihren Männern scheiden lassen?" Die korinthischen Frauen waren einerseits entsprechend der gesellschaftlichen Tradition recht abhängig von den Männern und mussten sich manches gefallen lassen, andererseits waren sie sehr emanzipiert, vgl. lKor 11,2-16 14,34-35. Es lässt sich denken, dass manche gläubige Frauen sich grössere Freiheit oder eine bessere Partie erhofften und sich deshalb scheiden liessen. So werden hier speziell die Frauen erwähnt. Für den Mann gilt jedoch gemäss Vers 11b das Gleiche.
Paulus fährt nun fort: "...wenn sie aber doch geschieden ist, bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich mit dem Mann..." (man könnte ergänzen:"...,sonst bricht sie die Ehe...").
Bemerkenswert ist der Zusatz: "...oder versöhne sich mit dem Mann...". Er beweist, dass Paulus eine Scheidung,(ausser aus Gründen der Hurerei), selbst wenn sie öffentlich-rechtlich vollzogen wurde, überhaupt nicht als echte Scheidung anerkennt, sondern lediglich als Trennung. Wir finden also die genau gleiche Auffassung wie in Mt 19 usw.
Wir wollen den ganzen Ernst dieses Befehls anerkennen. Doch ergibt sich aus diesem Text eine weitere Frage, der wir ins Auge sehen müssen: Was ist, wenn der gläubige Partner, von dem man sich geschieden hat, wieder heiratet? Entsprechend der vorangegangenen Ausführungen begeht er in diesem Augenblick Ehebruch. Die alte Ehe erlischt. Besteht nun für den verbleibenden alleinstehenden Partner die Möglichkeit einer neuen Ehe, da die alte nicht mehr existiert und deshalb auch nicht gebrochen werden kann? Die Bibel sagt es nicht in eindeutiger Klarheit! Wir können nur indirekte Schlüsse ziehen, die nicht vollkommen verlässlich sind.
Folgendes könnte f ü r diese Möglichkeit sprechen:
• Eine neue Ehe des Partners beendet nun einmal die alte Ehe, deshalb ist der Weg zur Wiederverheiratung prinzipiell offen, weil sie keinen Ehebruch mehr darstellt.
• Der Zusatz:"...oder versöhne sich mit dem Mann" zeigt vielleicht, dass das Gebot, ledig zu bleiben, sich auf die Zeit beschränkt, in der eine Versöhnung, ein Wiederzusammenkommen, noch möglich ist, weil noch keine neue Ehe geschlossen wurde.
Folgendes könnte g e g e n diese Möglichkeit sprechen:
• Es ist ohne weiteres möglich, die Aussage von Paulus so zu verstehen: "...so soll sie grundsätzlich und für immer unverheiratet bleiben. Die einzige Möglichkeit einer Heirat besteht darin, zum Gatten zurückzukehren und mit ihm die Ehe neu aufzunehmen!'
Der unmittelbare Eindruck dieser Aussage deutet in diese Richtung.
Wenn ein gläubiger Christ sich von seinem gläubigen Ehegatten scheiden lässt, stellt das in sich selbst bereits ein schweres Verschulden dar, weil der Ehepartner uns von Gott für ein ganzes Leben anvertraut ist. Ferner wird das öffentliche Zeugnis ausgestellt, dass zwei Christen, die doch "freigemacht sind vom Gesetz der Sünde und des Todes", die "eine neue Schöpfung in Christus" sind, nicht mehr miteinander auskommen. Ein entsetzliches Zeugnis, ein Faustschlag in das Gesicht unseres Herrn Jesus Christus, "der sich selbst für uns gegeben, damit er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit und sich selbst ein Eigentumsvolk, eifrig in guten Werken, reinigte." (Tit 2,14)
Jesus und sein Erlösungswerk werden öffentlich abgewertet, wenn zwei seiner Jünger die Gottgestiftete Ehe auflösen.
Ist es nicht recht und billig, ja sogar notwendig, wenn der schuldige Teil oder beide bei gemeinsamer Schuld) auch die Konsequenzen seines Handelns trägt und in jedem Fall unverheiratet bleibt? So kann er nachträglich doch nach aussen hin demonstrieren: Wenn ich auch aus persönlicher Schuld nicht fähig war, in der von Gott gestifteten Ehe zu leben, ist doch diese Ehe für mich noch gültig und ich will sie ehren als unauflösliche Institution Gottes. Weil ich die heilige Ehe geschmäht habe, verdiene ich nicht mehr, noch einmal verheiratet zu sein. Durch das Unverheiratetbleiben wird so die Ehe wenigstens nachträglich als einmalig respektiert, indem man gleichsam ihre Unwiederholbarkeit veranschaulicht. Solche Haltung schafft auch bei den anderen Gemeindegliedern Respekt vor der Ehe, weil sie erkennen, wie ernst ihr Mitchrist sie nimmt.
Damit ist ein weiterer Punkt berührt:
Das Verhalten eines Christen hat immer Auswirkungen auf die Glaubensgeschwister. Mein Verhalten prägt andere Menschen. Wenn Christen sich scheiden lassen und wieder heiraten, geben sie ein Beispiel, das Schule macht und zum Fallstrick der Schwachen werden kann.
Es ist wichtig, dass wir als Christen klare Zeichen aufrichten. Doch mit absoluter „Sicherheit“ kann hier nicht argumentiert werden. Ausserdem gibt es keinen Fall in der Seelsorge, der gleich wäre wie der andere. Zusätzliche Faktoren sind zu beachten, z.B. ob eine echte, tiefe Busse vorhanden ist oder ob der Betreffende geistlich so schwach (vgl. Mt 19,8: "...wegen eurer Herzenshärtigkeit...") ist und seelisch-leiblich so anfällig, dass man ihm die problematische neue Heirat gestatten sollte, um noch Schlimmeres zu verhüten? Sind kleine Kinder da, die einen Vater oder eine Mutter dringend brauchen? Haben die Probleme der ersten Ehe damit zu tun, dass in Unwissenheit, Hilflosigkeit und Unreife, nicht zuletzt durch fehlende Hilfe anderer Christen, die Beziehung zerstörte wurde? „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ Oder handelt es um an sich reife Christen, die genau wussten, was sie tun?
Jeder erfahrene Seelsorger wird wissen, welch ein Ringen es in diesen Fragen geben kann.
l.Kor 7,12-15
Den einleitenden Satz: "Den übrigen sage ich, nicht der Herr," dürfen wir nicht so verstehen, als wäre das Folgende nicht Wort Gottes, sondern unverbindliche Privatmeinung des Paulus. Nein, Paulus spricht auch hier in seiner Autorität als von Gott berufener und ermächtigter Apostel, aber er gründet sich an dieser Stelle, anders als in Vers 10, nicht auf ein spezielles Wort von Jesus. Jesus hat keine Aussagen über die Scheidung von Mischehen gemacht, weil das damals noch gar nicht aktuell war.
Paulus fügt hier zur "Ausnahmegenehmigung" von Mt 19,9 eine zweite hinzu: Wenn der ungläubige Ehepartner sich unbedingt vom gläubigen Ehepartner scheiden lassen will, soll der Gläubige nachgeben, die Scheidung wird ihm ausdrücklich erlaubt. Es ist jedoch unter Einbeziehung von Bibelstellen wie 1Pet 3,1-11 Eph 5,21-33 u.a. nötig, diese "Ausnahmebewilligung" etwas ausführlicher zu formulieren: "Wenn ein gläubiger Christ alles getan hat, um seinen Ehegatten für Christus zu gewinnen, wenn er ihm ein echtes Vorbild war, wenn er ihm an sich selbst die verändernde Macht Jesu Christi gezeigt hat, wenn er vergangene Sünde am anderen bekannt und wieder gutgemacht hat und der ungläubige Teil sich t r o t z d e m scheiden lassen will - so mag es geschehen.
Doch auch hier kommt die Frage auf uns zu: Darf ein auf diese Weise geschiedener Christ wieder heiraten?
Wir wollen erneut an die Beantwortung dieser Frage herangehen, indem wir (gemäss unserer zweiten Leitlinie) versuchen, ob das Verbot einer Wiederverheiratung in solchen Fällen bewiesen werden kann. Schon ein oberflächlicher Blick in den Text zeigt die Unmöglichkeit dieses Nachweises. Im Gegenteil, zwei schwerwiegende Gründe sprechen nicht nur gegen die Beweisbarkeit des Verbotes, sondern sogar für die Wahrscheinlichkeit der Freiheit für eine neue Ehe:
Wenn Paulus es für nötig hält, den Christen, die sich von Christen scheiden, ausdrücklich eine zweite Ehe zu verbieten (Vv. 10+11), warum fügt er dann nicht auch in diesem Fall, wo doch kein Verschulden vorliegt hinzu: "Sie sollen jedoch unverheiratet bleiben." Das Argument, das Verbot von Vers 11 gelte auch für die Mischehen, entbehrt einer Grundregel der Bibelauslegung: Reisse nie einen Vers aus seinem Zusammenhang! Ein allgemeines Verbot der Wiederverheiratung wäre von Paulus anders formuliert worden, z.B. durch einen Einschub vor oder nach dem ganzen Abschnitt 10-16: "Allen Geschiedenen aber sage ich, dass sie unverheiratet bleiben sollen."
Es ist nicht einfach, die Aussage von V. 15: "Der Bruder oder die Schwester ist in solchen Fällen nicht g e b u n d e n", so zu verstehen, als ob damit zwar die Freiheit vom friedlosen, schwierigen Zusammenleben mit dem ungläubigen Partner gemeint sei, nicht aber die Freiheit zu einer neuen Ehe. Es ist doch interessant, dass in 1Kor 7,39 Rö 7,1-2 zwar nicht dasselbe griechische Wort steht für "gebunden" (statt douloo = versklavt sein, als Sklave dienen, deo - mit Stricken binden, fesseln, gesetzlich binden und verpflichten), aber derselbe Sinn ausgedrückt wird. Wenn dort ausdrücklich die neue Ehe gestattet wird, warum nicht hier, wo ebenfalls dem Sinn nach F r e i h e i t v o n e i n e r B i n d u n g ausgesagt wird. An dieser Stelle findet sich das
Wort douloomai = versklavt sein, sklavisch gebunden sein. Bedeutet Freiheit aus der Sklaverei nicht auch Freiheit "für einen neuen Herrn"? Siehe Rö 6,15-22! Ist das wirklich Freiheit, wenn ein Mensch sich zwar scheiden darf, aber für den ganzen Rest seines Lebens das Los eines Unverheirateten auf sich nehmen soll? Wird dadurch gerade nicht öffentlich gezeigt: Ich bin noch gebunden?
Eines bleibt allerdings merkwürdig. Wenn Paulus hier indirekt eine Wiederverheiratung gestattet, muss er davon ausgegangen sein, dass die Scheidung einer solchen Ehe wirklich das E n d e dieser Ehe ist. Andernfalls wäre eine neue Ehe ein sündhafter Bruch der alten Ehe (Siehe Teil 1).. Kann jedoch eine Ehe aufgelöst werden, wenn man sich nicht wegen Hurerei, sondern des Glaubens wegen trennt? Zwei Überlegungen können vielleicht eine gewisse Verstehenshilfe bieten:
Trennt sich jemand von seinem christlichen Ehepartner um dessen Glauben willen, ohne dass sonst ein Grund vorliegt, missachtet er die Person des anderen in fundamentalster Weise. Das, was dem Gatten am meisten bedeutet, was sein Leben ausmacht, wird nicht akzeptiert. Damit wird die Person als Ganzes weggestossen und verachtet. Ein Graben von grosser Tiefe hat sich aufgetan.
Die neue Geburt, der Empfang des Heiligen Geistes, das Gläubig geworden sein ist ein ungeheuer scharfer Einschnitt, ein Wendepunkt sondergleichen, das Wechseln in eine neue Existenz. Einige Stichworte:
• vom Tode zum Leben durchgedrungen (Joh 5,24)
• Früher tot in den Sünden, jetzt lebendig gemacht mit Christus (Eph 2,1-10) Früher Bürger der von Satan regierten Welt, jetzt Bürger des
• Himmelreichs (Phil 3,20)
• Früher versklavt an die Sünde, jetzt Sklave Gottes (Rö 6,18-23)
Die Bibel wird nicht müde, mit verschiedenen Ausdrücken die Totalität der Wende im Leben eines Menschen, der Christ wird, zu beschreiben.
Der eine Ehepartner lebt im Tod, der andere im Leben. Der eine dient Satan, der andere dient Gott. Sie leben in verschiedenen Welten. Solange der ungläubige Teil jedoch mit dem gläubigen Teil zusammenleben will, befindet sich in seinem Leben gleichsam eine offene Tür, er setzt sich freiwillig dem Einfluss des Heiligen Geistes aus, Hoffnung ist vorhanden. Entscheidet er sich jedoch bewusst gegen Jesus, was er zweifellos tut, falls er sich von seinem Partner nur wegen des Glaubens trennt, fragt sich ernsthaft, ob eine solche den innersten Persönlichkeitskern des Menschen betreffende Scheidung nicht einer Auflösung der Ehe gleichzusetzen ist.
Wir bleiben jedoch mit diesen Gedanken im Bereich der Spekulation.
In jedem Fall bietet auch dieser Text keinen ausreichenden Anlass, um in der Gemeinde Jesu einem auf Veranlassung des ungläubigen Partners Geschiedenen eine neue Ehe kategorisch zu verwehren.
3. Abschliessende Bemerkungen
3.1. Die Aussagen von Rö 7,1-2 und 1.Kor 7,39
Diese Stellen widersprechen den bisherigen Ausführungen nicht, weil Paulus hier von der natürlichen Auflösung der Ehe, vom normalen Fall spricht. Eine Ehe wird durch den Tod eines der beiden Eheleute ohne Sünde auf natürliche Art aufgelöst. Jede andere Auflösung entspricht nicht dem Plan Gottes und geschieht immer aufgrund von Sünde.
3.2. Bekehrung nach erfolgter Scheidung
Darf jemand, der nach einer Scheidung zum Glauben kommt, wieder heiraten? Das Argument, nach 1.Kor 6,9-11 sei die gesamte Vergangenheit ausgelöscht und abgetan, so dass man von vorne beginnen kann, auch bezüglich einer Ehe, ist nicht eindeutig genug. Eine nicht wegen Hurerei geschiedene Ehe ist nicht aufgelöst, wenn einer der beiden Partner gläubig wird. So ist die Möglichkeit einer Versöhnung mit dem geschiedenen Ehegatten ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Ist er mittlerweile verheiratet oder lebt in Hurerei, von der er nicht lassen will, oder verweigert die Versöhnung wegen des Glaubens, gelten die Ausführungen von Teil 1 + 2.
Andere Situationen sind seelsorgerlich abzuklären und vor Gott zu beraten.
3.3. Wiederverheiratung erlaubt, Unverheiratetsein empfohlen
Es ist noch einmal zu unterstreichen, dass eine Wiederverheiratung Geschiedener nirgends geboten oder empfohlen wird, sondern höchstens erlaubt. Nach 1Kor 7,1+8 25+35 gibt es gute Gründe für das Ledigbleiben ganz allgemein, es wird deutlich empfohlen. Geschiedene können unabhängig von der Ursache ihrer Scheidung darüber hinaus durch ihr Ledigbleiben öffentlich zeigen (s.o.), wie ernst sie die Ehe nehmen. So sollte der Seelsorger immer wieder prüfen, ob er nicht zum Unverheiratetbleiben ermutigen sollte, wenn die persönlichen Voraussetzungen des Geschiedenen eine Gefährdung unwahrscheinlich erscheinen lassen und ein echtes, geistliches Tragen der Ehelosigkeit möglich machen.
Diese Ausführungen sind sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Für Ergänzungen und Korrekturen bin ich dankbar.