Sonettenkränze

Errettet aus Gnade - Sonettenkranz XV

I

´Wer hat das Recht, mich gnadenlos zu richten?
Ich brach die Ehe, kenne mein Vergehn.
Ihr wollt mich strafen, tot, gesteinigt sehn?
Zur Not erfändet ihr sogar Geschichten,

den Streit gezielt zu schüren statt zu schlichten,
um selbst als Makellose dazustehn,
nach eurem Maß Gebote zu verdrehn.
Dem Buhlen auferlegt ihr keine Pflichten?

Ihr wollt Gerechtigkeit und laßt ihn laufen,
um mich als Bauernopfer bloßzustellen?
Wo darf das Sünderherz um Gnade flehn?

Was spendet ihr, um Seelen freizukaufen?
Wer wird das Urteil über Heuchler fällen?

Auf das Ende kommt es an! - Sonettenkranz XIV

I

Bis heute kennt man ihn als Mann von Welt.
Sein Leben glich dem Pfuhl aus Freudentagen,
in dem Gelehrte über Stränge schlagen.
Auf einer Welle schwimmen sie im Geld

wie tote Fische. Glanz zur Schau gestellt,
von Selbstgerechten laut zu Grab getragen. -
Vernimm der Namenlosen Jammerklagen!
Wer nach dem Tod in Teufels Arme fällt,

vermag von ferne nur den Himmel sehn.
Der süße Friede flieht des Stolzen Brust.
Und dürstend muß er nach der Quelle streben,

aus der Getreue trinken, wenn sie gehn. -
Der Reiche fand im Mammon Heil und Lust.

Komm nach Hause! - Sonettenkranz XIII

I

Ein Mann beschloß, die Freiheit zu erlangen.
"Ich sause brausend durch die weite Welt
und mache nur noch das, was mir gefällt!"
Sein Blick war trübe, schleierhaft verhangen.

"Mein Erbteil, Vater, will ich heut empfangen.
Noch lebst Du ja. Ich brauche jetzt dein Geld.
Der Himmel sei von nun an mein Gezelt."
Ein Hauch von Trotz umspielte seine Wangen.

Der Vater tat, worum sein Sohn gebeten.
Oh leichter Sinn, was ist dein vages Ziel?
Die Flucht ins Ungewisse bleibt bestehn!

Denn suchend mußt Du auf der Stelle treten.
Was setzt Du, Menschenkind, naiv aufs Spiel,

Endstation Vergessen - Sonettenkranz XII

I

Es ist genug. Vergib mir. Hilf mir tragen!
Ein jähes Träges raubt mir den Verstand.
Wer hieb die Furchen mir in Herz und Hand?
Wem soll ich, Herr, mein Halt-, mein Ziellos klagen?

Mir fehlt die Kraft, durchs Sterben mich zu schlagen!
Der Mensch im Spiegel ist mir unbekannt.
Wer zwängte mich ins Greisen-Haftgewand,
in dem Gedanken mir den Dienst versagen?

Ich grabe mich durch nebelgraue Leeren,
vor deren Schwellen mir mein Damals singt,
als wärs ein Trost, der mich aus Angst befreit,

um gleich darauf sich wieder abzukehren.

Bevor Du gehst - Sonettenkranz XI

- Canción de Amistad -

I

Gewähr mir, Freund, ein herzberedtes Schweigen.
Ich gab dem Wind Dein Wort. Er trugs ins Land
der Leisen wie ein Korn aus Silbensand,
in dem Erinnerungen sich verzweigen.

Es ruht ein Klang in saitenlosen Geigen;
Musik, erdacht als Trost aus Gottes Hand.
Aus Deiner Feder fließt das blaue Band,
vor dem sich Rang und Namen stolz verneigen.

Und Du? Du überschmunzelst ihr Gebaren.
Ins flinke Fäustchen lachst Du Dir und denkst:
´Was ahnend sich dem Schmeichelblick entzieht,

ihr könnt es weder fassen noch erfahren.´

Im Himmel gibt es keine Tränen - Sonettenkranz X

I

Wer kann Dich hinter Deinen Lidern finden?
Du suchst die Spur zurück ins War-Einmal,
irrst hilflos, kinderleicht durchs karge Tal
der Endlichkeit, Erinnerung zu binden.

´Es muß der Wunsch im Aussichtslosen münden.´,
erahnst Du, fragst Dich, ´Bleibt mir eine Wahl?`
"Vernimm, oh Herr, der schwachen Seele Qual!"
Wer wird des Höchsten Wege je ergründen?

Aus Deinen Blicken weint sich das Vergessen
vergangner Glücke ins Gebet hinein,
als legten Nebel sich auf Raum und Zeit.

Was morgen blüht, wir können´s nicht ermessen.

Ich sehe Dich - Sonettenkranz IX

I

Gen Himmel will ich meine Hände heben.
Mir palmengrünt Vertrauen ins Gebet.
Wer ist´s, der meiner Seele Lied versteht?
Für unsre Sünden ließ Er einst Sein Leben.

Nach welchen Zielen wirst Du strauchelnd streben,
bevor Dein Staub im Strom der Zeit verweht?
Wer im Gehorsam Seinen Schutz erfleht,
dem ist Er nah. Er will auch Dir vergeben!

Am Fuß des Kreuzes darfst Du schreiend ringen:
"Herr, rette mich, mein Glaube ist zu klein!"
Geh durch die Tür, die jedem offen steht,

ins Freie, denn Du kannst es nicht vollbringen:
Laß Ihn Dein Heiland und Erlöser sein.

Ich male Dir das Meer ins Herz hinein - Sonettenkranz VIII

I

Ein Atmen stirbt. Im Sand verläuft ein Lachen.
Sein Echo sinkt hinab ins Meerestief,
als wärs ein unbeschwerter Abschiedsbrief,
gewebt aus Illusionen, tausendfachen

Momentnuancen, namenlose Nachen,
beladen mit Vergänglichkeit. Sie rief
Dir gestern zu: "Dein Trauerjahr entschlief
in meinen Armen. - Zeit, Dich aufzumachen,

dem Januar Dein Hoffnungsbild zu bringen."
Wir dürfen uns an Augenblicke lehnen,
wie Kinder glauben, zuversichtlich sein.

Ich will Dir altvertraute Weisen singen
zum Muschelklang der Wellenkantilenen.
Und male Dir das Meer ins Herz hinein.

Maranatha! - Sonettenkranz VII

I

Durchsticht ein Blitz die Nacht der Himmelsweiten,
erahnt sich mir die ungeheure Macht
der Hoffnung, deren Ewiglicht mir sacht
den Weg erhellt, wie Blicke, die mich leiten.

Wo Zweifel leisen Kummer mir bereiten,
dort weiß ich mich geborgen, wohl bewacht. -
´Ich hab Dir eine Nachricht mitgebracht!
Sie will Dich weisen durch die Endlichzeiten.

Du siehst mich weinen vor des Abends Toren,
Jerusalem, Du auserwählte Stadt.
Bedrängnis kriecht aus Mauern, schattenschwer.

Durch Deine Gassen hallt der Ruf "Verloren!"
Doch "Maranatha!" tönt aus jedem Blatt.

Auf Fels gebaut - Sonettenkranz VI

I

"Wie lange muß ich schmachtend Qualen tragen?
Ich sieche hinter Gittern, suche Licht!
Wo ist der Mensch, der von Vergebung spricht?
Sie wollen mich ans Holz des Fluches schlagen!"

"Laß ab von reuelosen Jammerklagen.
Dein Wüten, Toben hilft dir, Sünder, nicht!
Noch heute wirst du flehen vor Gericht!
Ins Ewigfeuer werden wir dich jagen!"

Die Kerkertore brachen auf mit Krachen.
"Nun mußt du büßen für die Übeltaten!
Wir Hüter horten die Gerechtigkeit!

Vernimmst du schon der Meute Lachen?
Sie warten auf die Todeskandidaten!" -

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